50 Jahre Woodstock - Unplugged

07.08.2019 12:45 | Gitarre

50 Jahre Woodstock

Der renommierte Geschichtswissenschaftler Gerard DeGroot brachte vor wenigen Jahren ein Buch heraus mit dem Titel The Sixties Unplugged. In dieser lesenswerten Aufarbeitung ging es nicht nur um Musik, sondern vielmehr darum wie der Summer of Love, Woodstock und die Hippie-Bewegung über die Jahre verklärt wurden.


Wer sich für diesen Teil der Pop-Geschichte interessiert, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Ausgehend von dem Gedanken der Mythen- und Legendenbildung fragen wir uns nun hier: War Woodstock nicht auch eigentlich ein großartiges Unplugged-Event? War Joan Baez' Martin 00-45 nicht gleichbedeutend wichtig für den Soundtrack dieser Zeit wie die Fender Stratocaster von Jimi Hendrix? Woodstock sei ebenso retrospektiv wie progressiv gewesen, erzählte uns neulich im Interview Elliot Landy, der offizielle Fotograf Woodstocks, der ab August mit einer phantastischen Bilder-Ausstellung die Republik bereist (weitere Infos in den News). Aber was heißt das für uns Gitarristen, Woodstock sei retrospektiv und progressiv gewesen?

Ganz einfach: man besann sich ebenso auf alte Folk-, Blues-, Country-, und Latin-Spielweisen auf den Akustikgitarren zurück, wie man an den elektrischen Instrumenten neue, psychedelische Sounds kreiierte. Das konnte beides nebeneinander her existieren und irgendwie war beides hip oder groovy oder wie man das sonst damals zu sagen pflegte. Da wir uns hier in einem Akustikgitarren-Magazin befinden, gehen wir natürlich auf die Akustiker ein und zeigen, wie stark deren Beitrag zu Woodstock war. Bei ein paar der Protagonisten werden einige vielleicht ein Aha-Erlebnis haben, denn die Akustiker waren gar nicht so ohne, damals im Jahr 1969. Außerdem hat sich unser Kollege Martin Weiß aufgemacht, seltene und weniger bekannte Sternstunden des Festivals aufzuspüren – Songs die man vielleicht ganz anders oder auch gar nicht kennt, die aber so tatsächlich bei Woodstock gespielt wurden und nur später der Nachbearbeitung und Kürzung zum Opfer fielen.

Crosby, Stills, Nash and Young

Die B-Seite des Überhits „Marrakech Express“ aus dem Jahr 1969 ist eine Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Hoffnung auf Geborgenheit. Der Gitarrenpart hat einen sich meditativ wiederholenden Charakter – neunzig Prozent aller einlullenden Neo-Folk-Songs im Stile Mumford and Sons wären ohne diese Technik unmöglich. Interessant ist, dass das Text-Motiv von drei Menschen die sich schließlich gegenseitig stützen – also Liebespaar mit Nachwuchs –, auch von dem dreistimmigen Satzgesang getragen wird. Insgesamt lebt die Nummer von vertrauter Folk-Gitarre und einem Gesang, der aus dem Country stammt und dem Kulturkreis der Woodstock-Jünger überaus bekannt und geborgen erscheint. Da Stephen Stills für das erste Album der Band alle Instrumente selbst einspielte, organisierte sich die Band für den Woodstock-Auftritt Gastmusiker, die fortan auch in der Band bleiben sollten – einer von ihnen war Neil Young. Bemerkenswert ist bei der Version von Woodstock – man spielte dort zwei Sets –, wie locker und dynamisch der Song ge-spielt wurde. Die Studioaufnahme wirkt dagegen statisch und linear.

Joan Baez

Die Urheberschaft dieses lang-tradierten Bürgerrechtssongs aufzudröseln, ist etwas für leidenschaftliche Spurensucher – der Ursprung seiner Strahlkraft ist da etwas bedeutender: Es ist die Idee, dass Missstände nicht unbedingt zu Lebzeiten der für sie kämpfenden Menschen überwunden werden, die dem Song etwas Ikonisches gibt. Im kollektiven Gedächtnis ist die Überzeitlichkeit von „We Shall Overcome“ vor allem deshalb, da Baez den Song im Anschluss an Martin Luther Kings Rede „I Have A Dream“ nach deren gemeinsamen Marsch nach Washington spielte. Das war bereits 1963 und ja, Bob Dylan war auch schon mit dabei. Als Joan Baez den Song sechs Jahre später bei Woodstock spielte war er also bereits ein Klassiker und allgemeines Kulturgut. Martin Luther King war ein Jahr zuvor ermordet worden und Baez konnte als Frau mit mexikanischen Wurzeln hochschwanger öffentlich und vor frei gemischtem Publikum den Vietnamkrieg anprangern – ein geschichtsträchtiger Moment Woodstocks.

Unverwechselbar ist auch Baez' typischer Sound einer Parlor-sized Martin in der Single-O-Bauform in Kombination mit ihrem hohen, von Vibrato bestimmtem Gesang. Musikgeschichtlich interessant ist, dass Baez hier die alte und in Amerika lang tradierte Rolle des Protestsängers auf das weibliche Geschlecht übertrug und dies dabei wiederum mit typisch weiblichen Charakterzügen und Tonalität ausarbeitete. Neugierig geworden?

Neugierig geworden? Das gesamte Acoustic-Legends zu 50 Jahre Woodstock mit weiteren wegweisenden Akustikmusikern könnt ihr in guitar acoustic 05/2019 nachlesen. Den Link dazu findet ihr hier.

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