So finden Sie den optimalen Audiorechner

04.04.2019 15:53

Worauf kommt es bei einem Computer, der für die Musikproduktion genutzt werden soll, wirklich an? Viele Hobbymusiker stellen sich diese Frage. Dieses KEYS-Special gibt Antworten! Autor Christoph Klüh ist „Rechnerproduzent“ der ersten Stunde und offenbart hier seine gesammelten Erfahrungen.

Audio-Computer
Laptop oder Desktop-PC? Gut Musik produzieren lässt sich heutzutage jedenfalls mit beiden Varianten. © Shutterstock

Die Überschrift klingt schon mal sehr verheißungsvoll … Deshalb gleich die ketzerische Frage zu Beginn: Gibt es überhaupt „den“ optimalen Audio-PC? Antwort, frei nach dem berühmten fiktiven „Radio Eriwan“: im Prinzip ja. Doch, es gibt ihn, allerdings bedeutet „optimal“ für unterschiedliche Zielgruppen etwas anderes. Deshalb muss jede Lösung immer individuell sein, sie muss für den Einzelnen passen und es gibt nicht „den“ optimalen Audio-PC.

Könnte man den Artikel dann an der Stelle schon beenden? Nein, natürlich nicht, denn einiges an Inputs gibt es natürlich zu diesem Thema schon zu sagen. Was in der Summe dann nachher bestenfalls „optimal“ ergibt, ist (wie das Wort „Summe“ schon sagt) das Ergebnis verschiedener einzelner Bereiche. Diese wollen wir uns im Folgenden näher anschauen. Am Anfang aller Entscheidungen steht nämlich eine Summe sehr grundsätzlicher Überlegungen.

Die Rolle des Rechners in der modernen Musikproduktion

Zunächst einmal dürfte klar sein, dass heutzutage ohne den PC in der Musikproduktion sozusagen nichts mehr geht. Im Wesentlichen können wir dabei folgende drei Produktionstypen unterscheiden:

1. Für die einen (vorwiegend in der Klassik und zum Beispiel auch im Jazz anzutreffen) ist der Computer „nur“ ein Aufnahmemedium, sie arbeiten ausschließlich mit Audiosignalen echter Instrumente, die sie mit Mikrofonen aufnehmen. Statt früher auf Band werden die Signale heutzutage eben auf die Festplatte eines Rechners aufgenommen.

2. Andere binden externe, aber digitale Klangerzeuger (Keyboard, Synthesizer) über MIDI in ihr Setup mit ein und nehmen weitere einzelne Spuren (zum Beispiel Gesang, Soloinstrumente) als Audiospur auf.

3. Wieder andere arbeiten nur noch mit Plug-ins, also virtuellen Software-Klangerzeugern, und verwenden außer dem Rechner gar nichts mehr anderes, um ihre Musik zu produzieren. Sie verzichten ganz auf externes (MIDI-)Equipment und haben von ihrem Rechner gar keine Verbindung „nach draußen“ mehr (außer zu den Abhör-Lautsprechern vielleicht). Zum Einspielen brauchen sie höchstens noch eine Tastatur in Form eines Controller-Keyboards ohne eigene Klangerzeugung, im Zweifelsfall reicht da vielen sogar schon ein Mini-Keyboard mit 49 Tasten. Dieses wird seit einigen Jahren direkt per USB-Kabel an den Rechner angeschlossen und kann, je nach Ausstattung, eventuell auch gleich noch als Audio-Interface fungieren.

In nicht wenigen Fällen „ist“ der Computer (siehe Typ 3) heutzutage direkt schon das Studio und jedem ist schon längst aufgefallen: Ein heutiges Tonstudio muss nicht mehr zwangsläufig „spektakulär“ aussehen, mit Bergen an Instrumenten und Outboard und ganzen Straßen an Mischpulten, einer Ausrüstung also, für die in vergangenen Jahrzehnten durchaus Hunderttausende Mark (oder Euro) aufgefahren werden mussten. Natürlich kann man sich schon denken, dass das ganze extrem stark von der Musik-Stilrichtung abhängig ist, mit der sozusagen alles steht und fällt.

Gerade im weitgefächerten Elektronikbereich, durchaus aber auch in manch anderen Musikbereichen bis hin zu Pop- und Schlagermusik, die wir im Radio hören, kommen heutzutage nicht selten ganze Produktionen komplett aus dem Rechner. Wo vor einigen Jahren noch audiophile Puristen den kulturellen Untergang des Abendlandes heraufziehen sahen und bis zum Abwinken vor allem in Internet-Foren Diskussionen darüber geführt wurden, ob analog nicht „besser“ klinge, sind wir über diesen Punkt eigentlich mittlerweile lange hinweg.

Die Entwicklung hat einfach – wie eigentlich auch zu erwarten war – gezeigt, dass Produzieren nicht nur „mit“, sondern auch komplett „im“ Rechner, also auch inklusive des Mixing-Prozesses, längst Usus geworden ist und selbst viele, die vor Jahren noch dagegen protestiert haben, inzwischen den Unterschied gar nicht mehr hören. Oder relativieren wir es etwas: Zumindest haben sich unsere Hörgewohnheiten inzwischen dahingehend angepasst. Fairerweise muss man natürlich einräumen, dass die Qualität von Software-Lösungen, nicht nur in Bezug auf Software-Instrumente, sondern auch mit Blick auf Mixing- und Mastering-Tools (Equalizer, Kompressoren und so weiter), im letzten Jahrzehnt qualitativ einen Quantensprung hingelegt hat.

Kurzum: Dass der PC mittlerweile zumindest als „Schaltzentrale“ von allem fungiert, zunehmend aber auch mehr und mehr andere Aufgaben wie die Klangerzeugung selbst übernommen hat und sicher in Zukunft auch noch verstärkt übernehmen wird, bis hin zu dem Punkt, dass der PC bei vielen das komplette Studio „ist“, ist unstrittig.

Braucht man wirklich ständig einen neuen Rechner?

Gerade vor kurzem war in einem Magazin zu lesen, ein neuer Rechner alle zwei bis drei Jahre sei Pflicht. Auch hier die ketzerische Gegenfrage: Wirklich? Natürlich hat man in gewissen Zeitabständen einfach Lust auf einen neuen Rechner. Selbst wenn darauf sogar dasselbe Betriebssystem arbeiten sollte wie auf dem Vorgänger, irgendwie scheint alles schneller zu gehen, leiser zu sein, irgendwie „schicker“ auszusehen. Klar: Arbeitsspeicher und Festplattenkapazitäten werden immer größer, Festplatten immer schneller.

Manche haben vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass ihr alter Rechner immer langsamer wird und selbst das Löschen nicht mehr benötigter Daten und sogar das Fragmentieren der Festplatte ab einem gewissen Punkt nicht mehr viel daran ändern. Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass die Betriebssysteme wie auch die Programme (oder bei Handys: Apps) mit jeder neuen Version und jedem Update immer komplexer und damit meist auch leistungshungriger werden, also zunehmend höhere Anforderungen an einen Rechner stellen.

Irgendwann, nach ein paar Jahren, wird man dann tatsächlich immer wieder an Punkte gelangen, wo man um einen neuen Rechner schlicht nicht mehr drumherum kommt. Abgesehen davon, dass man auch einfach wieder mal einen neuen haben will. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit einem Auto: Von A nach B bringen sie einen alle genauso, rein rational gesehen bräuchte man nicht alle paar Jahre ein neues. Dass es trotzdem immer wieder (mehr oder weniger gute) Gründe gibt, warum wir uns ein neues kaufen, wissen wir natürlich alle.

Ausgerechnet der Autor dieses Artikels, der um das Jahr 2000 herum die zunehmende Umstellung von Hardware- auf Software-Produktion live miterlebt hat und ein überzeugter „Rechner-Produzent“ oder zumindest ein „Hybrid-Produzent“ (Produzenten-Typ 2, siehe oben) der ersten Stunde ist, ist ein ganz schlechtes „Vorbild“, was neue Rechner angeht: Im Studio des Autors arbeitet (unter anderem) ein Rechner, der im August 2011 (kein Tippfehler) gebaut wurde, also sage und schreibe unglaubliche acht Jahre alt ist! Im heutigen Computer-Zeitalter sind das regelrechte Methusalem-Dimensionen. Dieser Rechner ist sozusagen älter, als vielleicht manche Leser an Jahren überhaupt mit dem Produzieren angefangen haben.

Trotzdem aber: Dieser Rechner läuft und läuft und läuft und hatte bis auf den heutigen Tag nicht einen einzigen Absturz (!), er ist auch nicht langsamer geworden, er macht sogar immer noch Spaß und liefert gute Produktionen (die übrigens auch nicht ein bisschen anders klingen würden, wenn sie auf einem topaktuellen Rechner gemacht worden wären) und ja, man kann damit sogar Geld verdienen. Dabei sind die Programme auch nicht von vorgestern, sondern ganz im Gegenteil, das aktuelle Cubase 10 läuft darauf, übrigens von der Performance sogar schneller als noch die 8er-Version, ferner ein ganzes Arsenal topaktueller Plug-ins, die auch alle regelmäßig upgedated werden und bis auf wenige Ausnahmen alle auf dem neuesten Stand sind. Ein wirkliches Top-Werkzeug also, an Zuverlässigkeit nicht mehr zu überbieten, vielleicht sogar der beste Rechner, der bis dato im Studio des Autors Dienst tat.

Woran aber liegt das? Dafür gibt es Gründe. Erstens: Der Rechner war damals nicht ganz billig, er durfte ein bisschen was kosten. Zweitens: Es war kein „Rechner von der Stange“, sondern ein selbst konfigurierter (zwar vom Profi gebaut, aber eben selbst zusammengestellt), alle Bauteile waren also bewusst ausgewählt und so zusammengestellt, dass sie zusammenpassen, dabei wurde auf hohe Qualität geachtet. Drittens: Der Rechner wurde „auf Vorrat“ konfiguriert, also mit einer gewissen Weitsicht geplant, um auch in Zukunft erweiterungsfähig zu bleiben, damit eben nicht jedes Jahr schon wieder etwas Neues kaufen zu müssen (sehr wichtiger Punkt!). Viertens: Auf dem Rechner laufen nur die Programme, die darauf auch laufen sollen, und sonst wirklich NICHTS! Auch kein Word, kein Excel, kein Outlook, keine Spiele und wirklich nichts.

Dieser Aspekt wird, gerade was auch das Anfallen von Datenmüll anbelangt, wohl allzu gerne unterschätzt. Ein Musik-PC ist ein Musik-PC – und sonst gar nichts! Auch Online-Aktivitäten sollte man vermeiden. Im Idealfall verbindet man den Computer nur für Installationen und Updates mit dem Internet.

Das vollständige Special lesen Sie in KEYS 05/2019 – die Ausgabe können Sie direkt hier im Shop bestellen.

Text: Christoph Klüh

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