Wo ist das erste Überschallflugzeug der Welt?

21.01.2020 13:58

In der Forschungsstelle Peenemünde an der Ostsee wurde 1943 ein Überschall-Windkanal in Betrieb genommen – der erste überhaupt. Neben Forschungen zu Artilleriegeschossen wurden Flügelformen untersucht, mit denen die Reichweite der in Peenemünde entwickelten, großen Rakete Aggregat A4 (später V-2 genannt) verlängert werden konnte. Diese flog die meiste Zeit im Überschallbereich. Am besten zeigten sich Pfeilflügel geeignet. Der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) in Darmstadt wurden die Versuchsergebnisse vorgestellt. Dort hatte man vor dem Krieg das Raketen-Jagdflugzeug Messerschmitt Me 163 entworfen, welches über 1000 km/h erreichte. Jetzt arbeitete die DFS an einem Aufklärer für die Luftwaffe, der so hoch und schnell fliegen sollte, dass der Gegner ihn nicht abschießen konnte. Da kamen die Ergebnisse des Windkanals gerade recht. Der Pfeilflügel wurde mit einem sehr schlanken Rumpf kombiniert, in dem der Pilot in der Nase auf einer Liege lag, um die Rumpfspitze aerodynamisch widerstandsarm zu gestalten. Angetrieben werden sollte das Flugzeug, DFS 346 genannt, durch Raketentriebwerke. Diese sollten kurz arbeiten und die DFS 346 auf Höhe und auf Überschall-Geschwindigkeit bringen. Dann würde die Maschine ohne Schub eine Zeit lang segeln und schließlich wieder die Triebwerke zünden. Damit war die DFS 346 das erste für den Überschallflug konstruierte (und gebaute) Flugzeug der Welt. Wegen der hohen Belastung beim Überschallflug musste das Flugzeug ganz aus Metall gefertigt werden, eine Technik, mit der die DFS wenig Erfahrungen hatte. Also übernahm die Firma Siebel in Halle an der Saale den Bau des Prototyps. Die Maschine war fast fertig, als sowjetische Truppen das Werk eroberten.

Sowjetische Ingenieure fanden das Projekt so interessant, dass sie die DFS 346, die Dokumente, Windkanalmodelle sowie die deutschen Ingenieure und Piloten in die Nähe von Moskau brachten. Hier wurde der Prototyp im Windkanal untersucht und drei weitere Flugzeuge gebaut. Eines als reines Segelflugzeug ohne Triebwerke und zwei mit Raketen im Heck. Es erfolgten Testflüge, erst als Segler, dann mit Antrieb, mit deutschen und sowjetischen Piloten, aber immer im Bereich unterhalb der Schallgeschwindigkeit. Die erste Maschine stürzte ab, aber der Pilot konnte sich retten. Ende 1951 wurde das Programm abgebrochen. Mittlerweile gab es etliche Flugzeugtypen mit Düsentriebwerken, die einfacher zu fliegen waren. Damit verschwand das erste Überschallflugzeug – oder auch nicht?

Im Sommer 1986 war die Besucherplattform des DDR-Flughafens Schönefeld ein Ort, an dem man in Ruhe Kaffee trinken und dabei den Flugbetrieb gut beobachten konnte. Als hier sehr seltener Besucher aus dem Westen war man von weitem an der Kleidung zu erkennen. Ein Herr setzte sich nach höflicher Frage zu mir an den Tisch. Nach ein paar belanglosen Floskeln über die Passagierflugzeuge unten auf dem Vorfeld, fragte er, worin denn mein spezielles Interesse bestehe. Eigentlich mehr in Raketen und Raumfahrt, war die Antwort. Nach einigen vorsichtigen Blicken über die Schulter, erzählte der Herr von seinem Studium der Luftfahrttechnik in Moskau in den 1970er-Jahren. Dabei sei er in der Schukowski-Luftfahrtakademie die Gänge abseits des eigentlich erlaubten Bereichs entlanggebummelt. Eine halboffene große Tür habe seine Neugier geweckt und er habe einen großen Raum betreten. Dieser war angefüllt mit verschiedenen Geräten und großen Computern. In einer Ecke aber habe ein großes Raumfahrzeug gestanden, welches er als Mondlandefähre identifizierte. 1986 war das sowjetische Mondprogramm noch streng geheim und die UdSSR leugnete, jemals ein solches gehabt zu haben. Er beschrieb die Mondfähre mit einer kugelförmigen Kabine mit einem großen ovalen Fenster vorn und einer Tür hinten. Die Landestufe bestand aus Kugeltanks und kurzen Landefüßen. Oben auf der Kabine waren kleine Kugeln, wohl mit Sauerstoff und Treibstoff und andere Geräte. Er wurde erwischt, konnte sich aber herausreden, wurde verwarnt und wegbegleitet. Aha – eine schöne Geschichte, aber das könnte ja alles ausgedacht sein.

Von seinem Studium erzählte er, zur Ausbildung in Fertigungstechnik habe man einen echten Flugzeugrumpf als Beispiel gehabt. Dieser war sehr schlank, der Pilot lag in der Spitze auf dem Bauch und angetrieben wurde das Flugzeug durch Raketentriebwerke. Die Beplankung war teilweise entfernt, sodass das Innenleben zu sehen war. Die Ausbilder bezeichneten die Maschine als „Flugzeug 346“ und erklärten stolz, dies sei eine Höchstleistung des sowjetischen Flugzeugbaus, nämlich das erste Überschallflugzeug der Welt. Wenn man den Rumpf näher betrachtete, so konnte der Erzähler überall deutsche Beschriftungen erkennen. Soweit, so gut, das waren Erzählungen und wir trennten uns, wie damals üblich, ohne auch nur den Namen genannt zu haben.

Jahre später zerfiel die Sowjetunion und die ersten Bilder vom sowjetischen Mondprogramm gelangten in den Westen. Siehe da, die Mondfähre sah genau so aus, wie 1986 in Schönefeld beschrieben. Damit konnte auch die Geschichte mit dem erhaltenen Rumpf der DFS 346 wahr sein.

Alle Versuche, etwas durch Briefe in Moskau in Erfahrung zu bringen, scheiterten. Es gab nie eine Antwort. Selbst Menschen mit hervorragenden Kontakten und Sprachkenntnissen konnte nicht den Hauch einer Information hervorzaubern. Nur die Bestätigung, dass verschiedene deutsche Flugzeug-Baugruppen für Ausbildungszwecke verwendet wurden, war zu erhalten. Es kann also gut sein, dass in einem Lager der Rumpf des ersten Überschallflugzeugs verstaubt und wenn der Platz einmal benötigt wird, einfach in die Schrottpresse wandert. Schade!

Einen ausführlichen Bericht über die Weiterführung von Luftfahrt-Projekten der Luftwaffe nach 1945 in der Sowjetunion gibt es in der FliegerRevue X Nr. 81.

Uwe W. Jack

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