Das Publikum - ein (un)bekanntes Wesen

12.07.2018 16:27 | Blog

Die Interaktion zwischen Band und Publikum fußt auf der Einhaltung einfacher Regeln. Leider werden diese von den Musikern auf der Bühne oft außer Kraft gesetzt – häufig aus Unachtsamkeit, Aufregung oder fehlendem Bewusstsein für die Bühnensituation. Dabei stehen den Musikern auch nur normale Menschen gegenüber, die zwar mit einer gewissen Erwartungshaltung in ein Konzert gehen, ansonsten aber auf eine unmissverständliche Kommunikation klar reagieren. Das bedeutet umgekehrt: ist die Kommunikation unklar und verwirrend, reagiert auch das Publikum verwirrt. Und da das Publikum freiwillig ein Konzert besucht, kann es auch freiwillig den Platz vor der Bühne wieder verlassen.


Sender und Empfänger
Vordergründig besteht eine Show aus Musik, Ansagen, Energie und Bewegung, unterstützt von der dazugehörigen Bühnentechnik. Unterschwellig basiert sie jedoch auf dem Phänomen einer Interaktion von Band und Publikum. Während einer Show finden ständig mehr oder weniger starke dialogische, energetische und emotionale Interaktionen statt, aus denen im günstigsten Fall mit der Zeit eine Beziehung zwischen Band und Publikum entsteht. Alles was auf der Bühne geschieht, hat für die Zuschauer Auswirkungen. Der Zuschauer empfängt die verschiedenen Informationen der Show – etwa Genre, Lautstärke, Ansagen, Bewegung, Energie, Konzept, Emotionalität, aber auch Lockerheit und Authentizität der Musiker – und reagiert darauf bewusst oder unbewusst. Durch diese Informationen wird der Zuschauer zunächst zum Empfänger. Er nimmt sämtliche Eindrucke durch seine Sinnesorgane ganzheitlich (geistig, körperlich, seelisch) auf, muss sie sortieren und einordnen. Das Erlebte ruft wiederum Reaktionen bei den Zuschauern hervor, die durch Applaus, Jubel, Begeisterung oder Tanzen zutage treten können – oder aber durch Unverständnis, Launigkeit, Ablehnung und Zurückweichen. Die Zuschauer senden diese Signale an die Band zurück. Die Band empfängt sofort die Rückmeldung der Zuschauer und kann anhand dieser wahrnehmen, ob die Aktivitäten beziehungsweise die Show auf der Bühne beim Publikum ankommen oder nicht. Daran knüpfen die nächsten Aktionen der Band an, die sie wiederum an die Zuschauer senden. Durch diese Interaktionen und Austauschprozesse entsteht ein Kreislauf aus Senden und Empfangen auf unterschiedlichen Ebenen.


Auf Aktion folgt Reaktion
Austauschprozesse spielen sich während Konzerten tausendfach ab. So baut sich während einer Show eine Beziehung zwischen der Band und dem Publikum auf, die je nach Intensität mal mehr und mal weniger durch das Konzert tragen kann. Bei einem positiven Verlauf wird eine Aufwärtsspirale erzeugt, die das Publikum sowie die Band mitreißen kann. Tritt die Band präsent, energiegeladen und gut vorbereitet auf, steigt die Wahrscheinlichkeit, das Publikum emotional zu erreichen. Somit erübrigt sich oft auch das lästige Bitten an die Zuschauer, doch ein paar Schritte nach vorne zu kommen und den Raum vor der Bühne zu füllen. Denn, wenn auf der Bühne etwas los ist, dann kommen die Zuschauer schon alleine nach vorne um zu sehen, was los ist. Außerdem ist am Ende eines solchen Konzertes auch die Kaufbereitschaft für Platten und Merch meistens erhöht. Bei einem negativen Verlauf wird hingegen eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die in einem leeren Platz vor der Bühne, Höflichkeitsapplaus und einer unbefriedigenden Stimmung bei Publikum und Band endet.
Auf der Bühne ist allerdings nur etwas los, wenn bei den Musikern Energie vorhanden ist und wenn sie präsent
 agieren. Wie im dritten Teil der Workshop-Reihe bereits beschrieben, ist die Energie nicht nur Grundlage für alle Aktionen auf der Bühne, sondern auch für Präsenz. Das Gleiche gilt auch für das Phänomen von Austauschprozessen während eines Konzerts: Es kann nur etwas ausgetauscht werden, wenn etwas durch eine energetische Leistung erschaffen und durch Energie weitergegeben wird. Letztendlich sollten die Interaktionen in Konzertsituationen immer hoch energetische Prozesse sein, die sich dauerhaft zwischen Band und Publikum abspielen.


Passt euch dem Publikum an
Dazu gehört in erster Linie die Berücksichtigung der emotionalen Ebene eines Konzerts. Um mit den Zuschauern in Kontakt zu treten, sollte eine Verbindung zu ihnen hergestellt werden, die über das Energetische hinausgeht. Es ist die Aufgabe der Künstler, die emotionalen Befindlichkeiten und Bedürfnisse der Zuschauer zu erkennen und darauf einzugehen ohne dabei die künstlerische Identität zu verlieren. Letztendlich sollte das Publikum das bekommen, wonach es verlangt. Es dürfte klar sein, dass sich die Ansprüche und Erwartungen eines Singer-Songwriter-Publikums in einigen Punkten von dem eines Death-Metal-Publikums unterscheiden. Eines aber haben beide mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gemeinsam: dass die Musiker das Publikum nicht nur energetisch erreichen, sondern auch emotional berühren.
Neben den geschilderten Austauschprozessen, treten ganz normale zwischenmenschliche, kommunikative Prozesse auf. Es macht durchaus Sinn, einen Auftritt und seine Kommunikation differenzierter zu betrachten. Da Kommunikation nicht nur verbal, sondern auch nonverbal mit Mimik, Gestik oder der entsprechenden Körperhaltung stattfindet, senden Bands oft unbewusste und ungewollte Signale an das Publikum, die entsprechende Reaktionen auslösen können. Deshalb sollte darauf geachtet werden, den Kommunikationsfluss zwischen Band und Publikum nicht versehentlich zu unterbrechen oder zu stören.


Der richtige Umgang mit Applaus
Am Beispiel einer Konzertsituation lässt sich das Thema wohl am anschaulichsten darstellen: Die Band ist mit ihrem Song durch. Dabei sagt der Frontman „Danke!“, bevor die Zuschauer applaudieren und wendet sich von den Zuschauern ab um etwas zu trinken. Die anderen Bandmitglieder wenden sich zu Beginn und während des Applauses ebenfalls ab, um mit neutralen Mienen ihre Instrumente zu stimmen. Wenn Musiker die Zuschauer ernst nehmen, einen guten Kontakt herstellen und damit einen normalen kommunikativen Prozess in Gang setzen würden, dann würde der Frontmann abwarten, bis die Zuschauer applaudiert haben und sich danach anerkennend bedanken.
Dabei sollte die Band dem Publikum zugewandt sein und den Applaus mit einem Lächeln quittieren. So signalisiert sie dem Publikum, dass der Applaus auch angekommen ist. Im eingangs genannten Fall fragen sich die Zuschauer unterbewusst, für was sich der Frontmann eigentlich bedankt. Eine ablehnende Körperhaltung, sofortiges Trinken oder eine versteinerte Mimik beim Stimmen des Instruments, verstärken das Gefühl der Gleichgültigkeit sogar noch. So signalisiert die Band dem Publikum auf verschiedenen Ebenen Desinteresse und keine Bereitschaft, normal in Kontakt zu treten.

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