Die Evolution der Beatles - Songwriting-Workshop

26.02.2020 11:49

Die Evolution der Beatles
Wer es nicht besser weiß, wird sich unter dem typischen Beatles-Songcredit Lennon/McCartney ein klassisches Songwriter-Duo vorstellen, das gelegentlich dem Kollegen Harrison ein paar Einstreuungen erlaubte. Aber ganz so einfach ist die Geschichte hinter den Songs der Fab-Four dann doch nicht erzählt.Oberflächlich betrachtet kann man die These um das Songwriter-Duo so unterschreiben, denn jeder Song, den entweder einer der beiden im Alleingang schrieb oder den sie zusammen komponierten, wird urheberrechtlich offiziell beiden Musikern zugeordnet. Die mit der Zeit zunehmende Unstetigkeit im Bandgefüge und gerade das sich immer weiter spaltende Verhältnis zwischen Paul und John spiegelt sich auch sinnbildlich in den Songwriting-Prozessen wider. George Harrison hingegen fungierte erst sehr zurückhaltend als Songwriter, im Spätwerk der Band dann aber weit unter seinen Möglichkeiten.

Gestählt durch unzählige Coversongs
Der Output an selbstgeschriebenem Material in den Anfangstagen ist überschaubar bis kaum vorhanden und auch schnell umrissen: Als die Beat-Musik, deren Hauptprotagonisten die Beatles später werden sollten, noch nicht erfunden war, musizierte John bekanntlich bereits ab 1956 in einer Skiffle-Combo namens The Quarrymen, zu der im Juli 1957 Paul und ein halbes Jahr später George stießen. Lennon beherrschte anfangs kaum eine Handvoll Akkorde auf dem Banjo, dem Instrument, das er nach der Mundharmonika erlernt hatte. Der weitaus versiertere, durch das Klavierspiel geschulte McCartney war in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung, obgleich es mit eigenem Material erst mal mau aussah. Man spielte zunächst Skiffle, dann angesagte Rock'n'Roll- und Rhythm'n'Blues-Nummern, die einfach einzustudieren waren, und nahm schließlich auch eine Single auf, die neben einer Buddy-Holly-Coverversion auch einen ersten selbstgeschriebenen Song, „In Spite Of All The Danger“, enthielt. Diesen Song hatte Paul noch in der Hinterhand – er hatte ihn bereits mit zarten 14 Jahren geschrieben. Dass Harrison ebenfalls Credits dafür bekam, lag (wie es zumindest die Überlieferung durch Sir Paul will) einzig an dessen Gitarrensolo auf der Aufnahme.

Aller Anfang ist schwer
Ein Tantiemen-Regen brach über die Band damals ohnehin nicht herein, denn von der Single wurde nur ein Exemplar gepresst. Von Lennons während der Quarrymen-Ära verfassten Songs schaffte es immerhin Jahre später „I Call Your Name“ in das Beatles-Repertoire. Als die Quarrymen ihre Metamorphose zu den Silver Beatles und schlussendlich den Beatles vollzogen hatten, arbeiteten sie sich auch weiterhin vorwiegend an Fremdmaterial ab, das sie als Tanzband im Indra Club und Kaiserkeller in Hamburg sowie im Liverpooler Cavern Club präsentierten – die Anzahl dieser Coverversionen geht in die Hunderte. Als Backing-Band für Tony Sheridan nahmen die Beatles für eine EP auch einen Song auf, der ein besonderes Alleinstellungsmerkmal trägt: Das an den Shadows orientierte Instrumental „Cry For A Shadow“ ist der einzige Song, dessen Songwriter-Credits sich Lennon und Harrison teilen.

Hit-Maschine für den Popmarkt
Bei der nie offiziell veröffentlichten Session, die man 1962 für das Label Decca aufnahm, wurden neben einem glatten Dutzend Coverversionen drei Beatles-Frühwerke eingespielt, darunter „Hello Little Girl“, John Lennons erster selbstgeschriebener Song von 1957, und zwei ähnlich wenig taufrische McCartney-Kompositionen. Eine wirkliche Formel für das Schreiben von Hits hatten die beiden noch nicht gefunden. Kaum auf Parlophone gelandet (wo alsbald auch Ringo Starr den bisherigen Drummer Pete Best ablöste) stellte sich der Erfolg ein: Die ersten beiden Singles „Love Me Do“ – ein Paul-Song mit Lennons Mundharmonika – und Johns ursprünglich an den Stil Roy Orbisons angelehntes und von Produzent George Martin ins Format gebogene „Please Please Me“ eroberten die Charts und sollten von einer langen Reihe von Nummer-Eins-Hits gefolgt werden.

Auf zu neuen Ufern
Dabei war es nicht weniger als bahnbrechend, wie hier Gitarrenriffs und einfache Lead-Parts, die die Melodien bildeten, miteinander kombiniert wurden. Wo „She Loves You“, „I Want To Hold Your Hand“, „All My Loving“, „Can‘t Buy Me Love“, „A Hard Day‘s Night“, „Eight Days A Week“ und „Help!“ mit einem eingängigen und gesungenen Thema (oder einfacher ausgedrückt, mit dem Refrain) beginnen, ist bei „I Feel Fine“, „Ticket To Ride“, „Day Tripper“ und „Paperback Writer“ eine Rückbesinnung zur eröffnenden Gitarrenmelodie beobachtbar. George Harrison, der „stille Beatle“, hielt sich derweilen noch als Songwriter vornehm im Hintergrund.

Text: Dieter Ehneß

Neugierig geworden?
Welchen Einfluss George Harrison noch auf die Beatles haben sollte könnt ihr in guitar acoustic 1/20 nachlesen, wo ihr den gesamten Workshop mit Songbeispielen, Tabs und Noten findet.
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