Rammstein und die Klaviatur des menschlichen Abgrunds

23.09.2019 16:28

Wer die Band verstehen möchte, muss zurück in ein geteiltes Deutschland blicken. Dieses hat bei den Bandmitgliedern Till Lin- demann (Gesang), Oliver Riedel (Bass), Christian „Doom“ Schneider (Drums), Christian „Flake“ Lorenz (Keyboard), Richard Zven Kruspe (Lead-Gitarre) und Paul Landers (Rhythmus-Gitarre) tiefe Spuren hinterlassen. Es hat das Selbstverständnis ihrer Musik und ihres Schaffens geprägt.


Das Leben in der DDR
Die sechs Rammsteiner wachsen in der ehemaligen DDR in Schwerin und Berlin auf. Was heute unvorstellbar erscheint, ist damals harte Realität: Nur studierten Musikern ist es erlaubt, hauptberuflich Musik zu machen. Für jeden anderen besteht eine Arbeitspflicht und wer als Amateur-Musiker in seiner Freizeit öffentlich auftreten will, braucht eine staatliche Spielerlaubnis. Daher arbeitet der leiden-schaftliche Gitarrist Paul Landers als Heizer in einer Bibliothek – halbtags. So kann er als nicht staatlich anerkannter Musiker einerseits der gesetzlichen Arbeitspflicht nachkommen, tagsüber lesen und heizen, und andererseits die restliche kostbare Freizeit nutzen, um Musik zu machen. Ähnlich ergeht es auch den anderen fünf zukünftigen Rammstein-Mitgliedern im repressiven System.

Von der Außenwelt abgeschottet
Davon lassen sie sich aber nicht aufhalten und so sammeln sie, in mehr oder weniger erfolgreichen Punk- sowie Crossover-Bands wie Elegantes Chaos (Richard Kruspe), Feeling B (Paul Landers und Flake), Die Firma (Christoph Schneider) und Till Lindemanns Band mit dem illustren Titel First Arsch, erste Banderfahrung. So sehr der Staat sie in ihrer freien Entfaltung einschränkt, das System hat auch einen heute durchaus fragwürdigen „Vorteil“: Die Künstler bleiben in ihrem Schaffen laut Kruspe quasi „vor Trends und Richtungen verschont“, was es ihnen ermöglicht, ihren eigenen Stil ohne Außeneinflüsse zu entwickeln.



Rammstein und das Gulasch
Schließlich finden sich fünf der Musiker (außer Flake) auf der Suche nach neuen musikalischen Experimenten in einer von Richard Kruspe als Nebenprojekt gegründeten Band wieder. Die alten Bands lösen sich nach und nach auf, und man setzt mit der 1994 gegrün- deten Band Rammstein und der nach dem Mauerfall gewonnen Freiheit zusehends auf den Neustart. Nur Flake muss überredet werden, da ihm die Musik laut Paul Landers zu „dumpf und eintönig“ erscheint. Die Band will aber unbedingt einen Keyboarder und setzt auf Flake. Mit seiner etwas ablehnenden Haltung bildet er einen elementaren Gegenpol in der Band. In einem Interview bezeichnet Lan- ders Rammstein daher einmal treffend als „Gulasch“ und Flake als den Löffel Zucker, damit es gut schmeckt. Auch Sänger Till Lindemann, der zuvor in seiner Band Schlagzeug gespielt hat, wehrt sich anfangs gegen den Platz am Mikrofon, aber Kruspe bleibt – Gott sei Dank – hartnäckig.

Ramstein Flugschau
Bis heute ranken sich um den Bandnamen diverse Mythen: Zu Beginn nannte sich die Band sogar Ramstein Flugschau, als direkte Anspielung auf das Flugzeugunglück auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt mit insgesamt 70 Toten im Jahr 1988. Rammstein aber haben immer wieder darauf hingewiesen, dass in den Namen nicht zu viel hineininterpretiert werden soll, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

Autor: Oliver Strosetzki

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