Epische Drums

01.02.2019 15:12

Breitwandsound XXL: Hier wird es ziemlich laut, böse und erschütternd. Kaum ein Hollywood-Streifen oder Action-Videospiel kommt ohne packende Musik aus. Dramaturgisch spielen Rhythmen dabei eine entscheidende Rolle. Wir treiben das Schlagzeug in die Extreme. Epische Drums – da bebt die Erde!

Epische Drums

Die Einsatzmöglichkeiten sind zahlreich. Ob Filmmusik oder Videogame, Trailer oder cinematische Popsongs, Symphonic-Metal oder Soundscapes – epische Drums findet man häufig. Ihr breiter, roher, kraftvoller Sound soll die Zuhörer auf eine ganz eigene Weise berühren. Dabei sprechen wir nicht von einem neuen Trend. Ja, Sie denken jetzt: Klar, alter Hut, das gab es in Hollywood-Produktionen schon in den Neunzigern. Nein, wir gehen weiter zurück, viel weiter. Einige hundert Jahre. Schon lange werden Drums eingesetzt, um auf einer emotionalen, körperlichen Ebene ihre Kraft zu entfalten. Das geht über Kontinente und Jahrhunderte hinweg.

Ganz gleich, ob in Äthiopien die „Negarit“ gespielt wird, um den Herrscher anzukündigen, oder ob im kalten Schottland die Clans mit Kriegsgetrommel aufeinander losstürmen. Ebenso bedienten sich die Samurais im alten Japan der „Taiko-Drums“. Der Gegner sollte eingeschüchtert und die eigenen Kämpfer in einen Aggressivitätsrausch versetzt werden. Kriegs- und Alarmtrommeln dienten der Nachrichtenübermittlung. Schamanen aus allen Kulturen setzten die Trommel als rituelles Instrument ein. Wer unbefugt die heiligen Rhythmen spielte, beging eine schwere Verfehlung und Sünde. Anders als in der europäischen Orchestermusik: Hier wurde der Bereich Schlagwerk häufig sparsam und nur unterstützend eingesetzt. Mal ein bisschen Pauke, Becken oder Triangel für Akzente – die „Musik“, Spannung und Dramaturgie ergab sich aber eher aus Melodie und Harmonie.

Action-Tracks „Out of the box“

Bei epischen Drums, Tribal-Percussion und ähnlichen Gattungen ist hingegen der Schlagzeug-Part das entscheidende Element und der Hauptbestandteil der Komposition. Wie in allen Sparten der Musik gilt es, ein ausgewogenes Verhältnis von Tradition und Innovation zu schaffen. In diesem Special zeigen wir, wie man solche Tracks im Rechner produziert. Garantiert ohne Ärger mit dem Fürsten, Medizinmann oder Clanchef. Einzig eure Nachbarschaft könnte sich über die Erdbebenklänge aus dem Homes-Studio beschweren. Let’s booooom …

Die Idee, solche Klänge aus dem Rechner zu nehmen, ist nicht neu. Stormdrums der Firma EastWest Sounds war eine der ersten (2004). Inzwischen ist man mit der Version 3 bei Weitem nicht mehr der einzige Anbieter in diesem Marktsegment. Unbeantwortbar wird wohl die Henne-Ei-Frage bleiben: Gibt es heute in so vielen Soundtracks epische Bombast-Drums, weil inzwischen jede Software-Firma ein Produkt in diesem Segment platziert hat oder gibt es so viele Sample-Libraries, weil jeder Film-/Trailer-Komponist heutzutage 50 Prozent seines Scores aus Percussion baut? Taiko-16-tel-Rhythmen, ein paar verminderte Hornakkorde im fortissimo und Streicherhits col legno – und fertig ist der Action-Track.

Akustik in Millionenhöhe

Zahlreiche Plug-ins bieten uns Ensemble-Sounds, Soloinstrumente und Loops en masse. Mal in Stereo, mal in verschiedenen Mikrofonpositionen oder sogar in Surround. Raum ist für Drumsounds wichtig, besonders wenn es episch werden soll. Hier gehen die Ansätze der Hersteller auseinander. Manche sampeln in trockenen Studios (zum Beispiel Vienna Symphonic Library Silent Stage) und erlauben, dass der Anwender selbst Räume hinzufügen kann. Die Samples sind so flexibel nutzbar, lassen sich mit dem Lieblingshall veredeln und – viel wichtiger – frei und leicht positionieren. Stichwort: Tiefenstaffelung und Surround.

Andere Anbieter fügen ihren Samples ganz bewusst Raumanteil hinzu. Wie geht das? Ganz einfach: Man sampelt in akustisch hochwertigen Räumen. Das sind Konzertsäle, Scoring-Stages oder edle Topstudios. Sie bekommen also Akustik in Millionenhöhe gleich mitgeliefert. Das klingt beim ersten Anspielen schon imposant, kann aber auch zum Problem werden, wenn der gesampelte Raum nicht zur eigenen Produktion passt. Gerade wenn man verschiedene Libraries (Drums, Percussion, Streicher, Bläser) kombinieren möchte, ist es schwer, ein homogenes Abbild des Raumes zu erschaffen, wenn jede Library aus einem anderen Setting kommt.

Der Lösungsansatz ist einfach und genial: Man bietet dem User unterschiedliche Mikrofonpositionen an. Jede Trommel ist mit verschiedenen Setups gesampelt. Close-Mics direkt am Instrument, Stützmikrofone in ein paar Metern Entfernung, ein Decca-Tree-Aufbau an der Dirigentenposition. Der Produzent sucht sich dann die bevorzugen Kanäle aus dem Angebot raus. Dabei ergeben sich zusätzlich interessante Möglichkeiten. Automatisiert man die Mikrofonkanäle in der DAW, kann man zum ­Beispiel akustisch an ein ­Instrument heranzoomen. ­Gerade wenn man mit Bild arbeitet, können durch ­diese Technik die Szenen auf der Leinwand tontechnisch unterstützt werden.

Drum-Sampler-Plug-ins

Nicht nur in den Sample-Ansätzen bestehen Unterschiede. Die Bedienung der Plug-ins ist nicht genormt. Wie organisiert man Tausende von Samples so, dass der Produzent schnell das Gewünschte findet? Verschiedene Firmen, verschiedene Antworten. Mal steuert man die Dynamik über das Modulationsrad, mal über den Parameter Expression, mal über frei zuweisbare Controller oder ruft unterschiedliche Dynamik-Layer via Anschlagsstärke (Velocity) oder über verschiedene Tasten auf der Keyboard-Tastatur ab. Verschiedene Schlagtechniken (Ensemble, Solo­instrument, Sticks, Mallets, Rolls, Rims) werden manchmal in verschiedenen Oktaven abgelegt, während ein anderer Hersteller auf Key-Switches setzt. Letztlich ist es eine persönliche Sache, womit man am besten zurecht kommt. Nicht alle Hersteller erlauben eine Anpassung und wer mit verschiedenen Libraries parallel arbeitet, muss aufpassen, nicht durcheinanderzukommen.

Varianten bieten uns die Hersteller auch beim Thema Kopierschutz. Ohne Frage müssen Software-Hersteller ihre Produkte schützen. Dafür habe ich als professioneller Anwender vollstes Verständnis. Letztlich dient es auch dem Schutz meiner Investitionen, wenn nicht jeder Dahergelaufene um die Ecke meine teuer erworbenen Libraries illegal von irgendwelchen Servern zieht. Neuentwicklungen sind nur dann möglich, wenn weiterhin mit Software Geld verdient wird. Dass Kopierschutz nervig sein kann, ok, damit kann ich leben. Dongles oder Challenge-Response-Verfahren sind gängige Methoden.

Negativvorreiter sind für mich im Moment Native Instruments mit Native Access. Hierbei ist es nämlich zwingend notwendig, dass der Studiorechner zur Lizenzierung mit dem Internet verbunden wird – ein Unding für professionelle Anwender. Viele Drittanbieter setzen auf Kontakt als Host-Sampler. Vor dem Kauf empfehle ich deshalb einen kurzen Blick in die Kopierschutzbedingungen, um sich vorher zu informieren: Wie ist das Lizenzierungsverfahren? Darf ich die Library nur auf meinem Studiorechner installieren oder ist eine Zweitinstallation auf dem Laptop erlaubt? Welche Einschränkungen bin ich bereit zu akzeptieren?

Den vollständigen Artikel lesen Sie in KEYS 03/2019 – die Ausgabe könnt Sie direkt hier im Shop bestellen.

Text: Mark Schwarzmayr
Foto: Shutterstock

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