Flucht mit dem UL-Flugzeug

20.03.2019 16:59 | Luftfahrt

Wenn die ersten warmen Tage des Frühlings zu einem Sonntagsspaziergang einladen, dann gehen viele Bewohner des Berliner Bezirks Neukölln in den großen Volkspark Hasenheide. Hier hatte einst Turnvater Jahn die deutsche Jugend zu sportlicher Ertüchtigung ermuntert. Sein Denkmal steht oberhalb einer leicht ansteigenden Wiese am Eingang zum Park. Je nach Tageszeit, wird der Park von verschiedenen Besuchergruppen bevölkert: Eltern mit kleinen Kindern, Sportler und Jogger, Liebespaare oder Drogendealer. Der Autor zählte an diesem warmen Maitag 1989 zur ersten Gruppe. Aber auf der Wiese tummelten sich keine Fußballspieler, sondern es standen dort zwei vollständig montierte Ultraleicht-Flugzeuge. Im damaligen Westberlin waren private Flugzeuge, auch wenn sie nicht fliegen sollten, für Deutsche streng verboten. Zwei Männer waren angestrengt dabei, die kleinen Maschinen mit Tarnfarben und roten Sternen zu schmücken. Die Nationalabzeichen sowjetischer Kampfflugzeuge gaben dem sowieso schon ungewöhnlichen Auftritt noch etwas Exotisches. Mit Tarnfarben und rotem Stern bemalte Flugzeuge dürfte es in Westberlin (und schon gar nicht in einem Ausflugspark) nicht geben.

Als luftfahrtinteressierter Zeitgenosse nähert man sich natürlich den Fluggeräten, bestaunt diese und fragt höflich nach dem Zweck der Aktion. Der Mann mit dem Farbtopf und Pinsel dreht sich mit einem freundlichen Gesicht um. Dies seien Requisiten für eine Filmproduktion. Im Berlin der damaligen Zeit, vor allem in Neukölln, war man an schräge Künstler und ihre seltsamen Projekte gewöhnt. Als ein paar Fragen zur Technik der Flugzeuge gestellt wurden, kam der zweite Flugzeugmaler dazu. Er war weniger freundlich, lies durchblicken, dass die Zeit langsam knapp wurde und die Malaktion bald abgeschlossen sein müsste. Eine kleine Runde durch den Park dauert etwa eine gute Stunde. Zurück an der Wiese, waren die beiden Flugzeuge verschwunden.


Ein UL-Flugzeug zeigt die aufgemalte Tarnung (Fotos: youtube.com)

Ein paar Tage später war dann auf der Titelseite einer Berliner Zeitung eines der beiden Flugzeuge abgebildet.  Es ging um die wohl spektakulärste Flucht aus der DDR. Von den drei Brüdern der Familie Bethke waren zwei schon in den Westen geflohen, der dritte hatte es nicht geschafft. Die beiden erfolgreichen Flüchtlinge eröffneten in Köln eine Kneipe und dachten ständig darüber nach, wie sie ihren Bruder in den Westen holen könnten. Als sie auf einer Veranstaltung ein ultraleichtes Fluggerät sahen, fassten sie einen Plan. In Belgien nahmen sie Flugstunden, verkauften ihre Kneipe und erstanden für das Geld zwei gebrauchte UL-Maschinen.


Im Morgengrauen setzen die beiden UL-Flugzeuge zur Landung vor dem Reichstag an.

Ihrem Bruder in Ostberlin schmuggelten sie ein Funkgerät zu und ließen die beiden UL heimlich nach Berlin bringen. Der Bruder sollte sich nachts an der großen Wiese des Treptower Parks verstecken. Die beiden Brüder würden mit ihren Fluggeräten die Mauer überfliegen, einer würde auf der Wiese in Treptow landen und den Bruder aufnehmen. Der andere würde aus Luft die Sache beobachten und melden, falls Polizei im Anmarsch sei. Damit sie nicht von Grenzsoldaten beschossen werden, kamen sie auf die Idee, ihre Flugzeuge als sowjetische Kampfmaschinen auszugeben. So erklärt sich die Malaktion im Park. Gestartet wurde von einem Fußballplatz weiter südlich im Bezirk Neukölln, der Bruder über Funk vorgewarnt und die Aktion klappte wie geplant. Beide Flugzeuge mit den drei Brüdern an Bord setzten vor dem Reichstag in Westberlin auf. Beide Maschinen waren mit je einer Videokamera ausgerüstet, die Filme wurden an die Medien verkauft und so die die Flucht re-finanziert. Damit war die Auskunft im Park, die bemalten Flugzeuge dienten Filmaufnahmen, die reine Wahrheit.
Uwe W. Jack

Mehr über unfreiwillige oder gewollte Grenzverletzungen im Luftraum zwischen Ost und West im Kalten Krieg, gibt es in der FliegerRevue X 76 zu lesen.

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