Halestorm: Kampf gegen Dämonen

17.09.2018 14:34 | Allgemein

 

Um ihr viertes Studioalbum Vicious überhaupt aufnehmen zu können, mussten Halestorm zuerst mit sich selbst ins Reine kommen. Im Interview mit SOUNDCHECK geben Frontfrau Elizabeth „Lzzy“ Hale und Gitarrist Joe Hottinger Auskunft darüber, wie sie ihre Selbstzweifel in kreative Energie umwandeln konnten.

Soundcheck: Joe, es gibt ein witziges Video auf YouTube, das den Moment zeigt, als du Lzzy mitten während eines Konzertes im Jahr 2012 darüber informierst, dass ihr gerade für den Grammy nominiert wurdet. Was das Video nicht zeigt, ist, wie um alles in der Welt du davon erfahren hast. Schaust du während eurer Konzerte auf dein Handy?
Joe: Das war so: Unser damaliger Guitar-Tech hat eine SMS von unserem Tourmanager bekommen. Zum Zeitpunkt der Show hat Lzzy gerade ein Solo-Stück am Piano gespielt. Und bevor sie überhaupt anfängt, sitzt sie für gewöhnlich da und spricht zum Publikum. Die anderen von uns sind also von der Bühne herunter. Da kommt unser Guitar-Tech zu mir und sagt „ihr seid für einen Grammy nominiert worden!”, und ich nur „Bullshit!”  Ich hab’ ihm nicht geglaubt. Also habe ich mein eigenes Handy genommen, gegoogled und dachte mir „heilige Scheiße!” Da bin ich raus gerannt um es Lzzy zu sagen, weil sie noch nicht angefangen hatte zu spielen. Es gibt ein Foto, das jemand aus dem Publikum in diesem Moment gemacht hat. Es zeigt, wie schockiert sie ist. Ihr Gesicht sieht aus, als wäre sie wieder zwölf Jahre alt. Ein unfassbar authentischer Moment. Ich liebe dieses Bild!

SC: Mit Halestorm ging es bereits vor rund 20 Jahren los. Das Debütalbum erschien jedoch erst 2009. Wieso hat das so lange gedauert?
Lzzy: Ich denke ehrlich gesagt, dass das ganz normal ist. Nach ungefähr 15 Jahren kam der Erfolg über Nacht. Das war viel Arbeit. Wir waren lange Zeit DIY-mäßig unterwegs, hatten
keinen reichen Onkel oder irgendwelches Vitamin B zur Musikindustrie. Alles was wir erreicht haben, mussten wir auf die harte und langsame Tour erarbeiten. So lief das einfach bei uns.

Soundcheck: Anfang 2017 habt ihr angefangen, am neuen Album zu arbeiten und insgesamt viel mehr Songs geschrieben, als letztlich auf der Platte sind. Woran lag das?
Joe: Uns wurde zunächst einmal die Zeit gegeben, die wir gebraucht haben. Unser A&R-Typ von Atlantic Records kam letztes Jahr in Nashville vorbei und meinte nur: “Lasst euch Zeit, ich habe keine Agenda. Lasst mich wissen, wenn ihr das Album schreibt oder wenn ihr Hilfe braucht.” Das war sehr cool. Unsere ersten drei Alben waren sehr erfolgreich und wir wussten noch nicht, was wir auf dem vierten überhaupt machen wollten. Eher was wir nicht wollten. Es sollte etwas cooles werden, das uns als Musiker und als Band voran treibt. Nicht der typische Radio-Rock, der in den Staaten grassiert und mit dem auch wir Erfolg hatten. Etwas, das uns selbst etwas herausfordert, ohne uns aber zu weit von unserem Stil zu entfernen. Anders als manche Rockbands, die auf einmal ein Pop-Album machen. Wir wollten ein Rock-Album machen, durch und durch.

SC: Klingt doch nach einem soliden Plan.
Joe: Ja, wir waren aber etwas verloren, haben an uns selbst gezweifelt. Da kam unser Produzent Nick Raskulinecz ins Spiel. Der meinte nur: „Okay, das ist meine Spezialität! Wann war denn das letzte Mal, dass ihr alle vier in einem Raum gesessen und neues Zeug gejammt habt?” In der Tat war das schon ein paar Jahre her. Also hat er gesagt „Okay auf geht’s!” Er hing dann mit uns ab und wurde so etwas wie unser fünftes Mitglied, Captain und Coach zugleich: „Wer hat ein Riff?” – „Hier, ich”, so haben wir einfach für zwei Wochen am Stück drauf los gespielt und jeden Tag geschrieben. Es lief auf einmal. Dann sind wir für fünf Wochen auf Tour gegangen, ohne irgend etwas von der neuen Musik zu hören. Als wir zurück kamen haben wir uns die Sachen angehört, manche davon überarbeitet, ein paar neue Geschrieben. Dann sind wir wieder auf Tour gegangen. Es gab also ein paar große Breaks. Und in Verbindung damit, dass wir uns viel Zeit für die Aufnahmen genommen haben, hat es im Endeffekt eben etwas gedauert.
Lzzy: Ich war nach Into The Wild Life sehr mit mir am Hadern und habe mich oft gefragt, ob ich es überhaupt noch drauf habe. Ich bin selbst mein schärfster Kritiker, also musste ich über einige innere Hürden springen. Auf diesem Album geht es darum, innere Dämonen zu besiegen. Ich denke, dass es andererseits keinen anderen Weg für mich gab, durch diese schwierige Zeit zu kommen, als darüber zu schreiben. Diese Platte war wie eine Therapie.

SC: Habt ihr die überschüssigen Songs komplett verworfen?
Joe: Nein, das sind tatsächlich alles fertige Songs. Und ich verspreche, dass unsere Fans jeden einzelnen davon auch zu hören bekommen werden. Egal ob live oder auf B-Seiten. Es ist nicht so, dass wir die Lieder nicht mögen würden. Wir haben uns nur für diese konkrete Auswahl auf dem Album entschieden.
SC: Es gibt wohl einige Easter-Eggs auf dem Album, die auf Interaktionen mit euren Fans über soziale Medien anspielen. Könnt ihr das näher erklären?


Joe: Das muss Lzzy dir beantworten! Die ist sehr aktiv auf Twitter und diesen ganzen Plattformen und interagiert dort mit den Fans.
Lzzy: Dieses Album ist eine der persönlichsten Ansammlungen von Songs, die wir bisher veröffentlicht haben. Auf den vorangegangenen Alben habe ich die Texte im ersten Entwurf immer aus einem persönlichen Blickwinkel geschrieben und diese dann noch einmal überarbeitet, um sie allgemeiner und universeller zu machen. Bei machen Songs auf Vicious habe ich die ursprünglichen Entwürfe beibehalten. Ich weiß, dass einige unserer Fans, die mir auf Social Media folgen, ihren Spaß dabei haben werden, hier und da eine Strophe oder Textzeile zu entdecken, die beinahe Eins zu Eins aus einer Social-Media-Interaktion mit ihnen entnommen ist.

SC: Ihr seid für eure ausgedehnten Touren bekannt. Schreibt ihr auch on-the-road Lieder oder sammelt zumindest Ideen?
Lzzy: Ja, ich schreibe jeden Tag irgendwas. Das ist meine Leidenschaft und zugleich eine Krankheit. Eine Art angenehmer Fluch. Über die Jahre bin ich besser darin geworden, Songs on-the-road fertig zu stellen – oder im Flugzeug. Manchmal gehe ich aufs Ganze und nehme ein Aufnahme-Rig mit. Und manchmal mache ich es wortwörtlich ganz „verkopft”, schreibe die Sachen also nur mit meiner Stimme und im Kopf. Das nehme ich dann ganz banal auf meinem Handy auf. Ich habe außerdem tonnenweise Notizbücher, in die ich Texte, Ideen für Arrangements und Teile von neuen Songs hinein schreibe.

Lesen Sie das gesamte Interview in der SOUNDCHECK-Ausgabe 09/2018!

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