Homerecording

09.11.2018 09:25 | Musikproduktion, Blog

Homerecording (Recording Magazin)
 
Die Motivation, ein Homestudio einzurichten, kann unterschiedlicher Natur sein. Bedingt durch die Tatsache, dass ein Homestudio heutzutage zu günstigen Konditionen eingerichtet werden kann, ist es nicht mehr nur ein Hobby oder eine Passion für reine Toningenieure, sondern für alle Musiker realisierbar. Die Auswahl des passenden Equipments steht in Abhängigkeit zum finanziellen Budget und des persön-lichen Anspruchs. Die folgenden Tipps sind Richtwerte und Erfahrungswerte – keine in Stein gemeißelten, unumstößlichen Regeln. 
 

Der Computer

Während in der Vergangenheit noch Bandmaschinen und große Mischpulte zur Musikproduktion benötigt wurden, ist die heutige Schaltzentrale der Computer geworden. Als Zentrum der meisten zeitgenössischen Studios haben leistungsoptimierte Computersysteme inzwischen auch Einzug in die kleinen Homestudios gefunden. In puncto Kostenfaktor und Flexibilität ist der Rechner als erste Investition für euer Home-Studio unabdingbar.
 
Beachtenswert bei der Kaufentscheidung ist nicht die Marke oder der Hersteller – oftmals PC oder Mac – sondern Rechenleistung, Audio-Hardware und Software-Ausstattung. Standard-Musikproduktionen beinhalten 30 bis 50 Spuren, die im Regelfall in Echtzeit berechnet werden müssen. Zudem sind Plug-Ins, also zum Beispiel digitale Effekte, auf den Spuren verteilt, die weitere Rechenleistung beanspruchen. Als Richtwert sollte euer Computer mindestens Intel Core i5 mit vier Prozessorkernen, einen RAM von 8 Gigabyte und einen Bildschirm in HD-Auflösung (1920x1080 Pixel) aufweisen. Falls der interne Speicherplatz kleiner als 500 Gigabyte ist, schafft euch eine externe Festplatte an, die ihr passend zum System formatieren solltet, damit sie einwandfrei funktioniert.
 
Grundsätzlich besagt eine Faustregel, dass man besser mehr Rechenleistung einplanen sollte, als man es bei der Kaufentscheidung überlegt. Die Anforderungen an die Rechner steigen stetig und euer System sollte nicht gleich bei Anwendung einer größeren Sample Library in die Knie gehen. Die Wahl zwischen PC oder Mac kann davon abhängen, was eure Freunde oder Kollegen nutzen und welche DAW ihr bedienen möchtet. Musikprojekte werden heutzutage per Dropbox et cetera ausgetauscht, sodass jeder Musiker in den eigenen vier Wänden arbeiten kann. Dies hat den Luxus, das man mit Musikern in der ganzen Welt zusammenarbeiten und Files und Sessions austauschen kann. Allerdings müssen die Systeme die gleiche Sprache sprechen. Eine Logic-Session etwa lässt sich nicht mit Cubase öffnen und umgekehrt. Die Plug-In-Schnittsstellen sind bei den verschiedenen DAWs unterschiedlich. Sollten eure Kollegen maßgeblich auf einem bestimmten Computer und DAW-System arbeiten, sollte eure Kaufentscheidung auch zu dieser tendieren.
 
Im Zuge dessen sei aber noch die Möglichkeit des Kaufs eines Multitrackgeräts erwähnt, die vollkommen digital als 4 Spur-Geräten bis hin zu 16 oder 32 Spur Workstations erhältlich sind. Einige Geräte ermöglichen sogar, komplette Mixdowns anfertigen zu können. In puncto Rechenleistung und Bildschirmgröße ist der PC die beliebtere Variante. Was Flexibilität im Bezug auf zahllose Plug-Ins, umfangreiche Sample Librarys, Files- und Sessionaustausch, und vieles mehr angeht, ist der PC für die meisten Leute die bessere Wahl für das Home-Studio. Robuste Multitrackgeräte werden gern für Proberäume oder im Livebereich für Recording eingesetzt.
 

Die DAW 

Die Diskussionen um die beste DAW (Digital Audio Workstation) ebbt in den letzten Jahren immer mehr ab, da sich die verschiedenen Hersteller mit ihren Produkten immer weiter angleichen. Nahezu jede DAW besitzt ähnliche Features, aber dennoch sollte die Wahl der DAW genau überlegt sein und steht im Abhängigkeit vom Budget. Die Aufnahmesoftware ermöglicht das Aufnehmen, Schneiden, Arrangieren, Mischen und Mastern des aufgenommenen Materials. Bewegt man sich nur auf digitaler Ebene ohne Outboard-Equipment, so lässt sich der gesamte Entstehungsprozess eurer Aufnahme bis zum finalen Schliff des Masterings in dieser einen Software gestalten.
 
Die wichtigsten Aspekte zur Auswahl der gängigen Workstations sind maximale Bit-Tiefe, maximale Sample-Rate, maximale Anzahl von Spuren und Bussen, Plug-In-Format und Lieferumfang. Einige erweiterte Funktionen wie Tonhöhenkorrektur, Notensatz, rhythmische Korrekturen sollten auch bedachtwerden. Technische Besonderheiten wie Betriebssystem, Service-Möglichkeiten und etwaige Updatekosten zählen auch zu wichtigen Punkten.
Logic ist nur auf Apple-Geräten funktionsfähig, wogegen fast alle anderen DAWs auf PC und Mac laufen. Der massive Preis-unterscheid zwischen Pro Tools und Pro Tools HD liegt hauptsächlich am Umfang der maximalen Anschlüsse, Aufnahmespuren, Auxiliary-Spuren und Videospuren. Pro Tools HD richtet sich an Produzenten von umfangreicher Filmmusik, großen Orchester-Recordings und komplexen Surround-Mixdowns.
 
Erfahrungsgemäß haben alle Hersteller mit kleinen Bugs zu kämpfen, die aber auch durch schlechte Aufgeräumtheit der Computer bedingt werden. Ein professioneller Audio-Computer wird auch nur für Audio genutzt. Das verringert Probleme mit dem Betriebssystem und der Leistung. 
Wie bei der Wahl des PCs oder Macs solltet ihr auch bei der DAW-Auswahl darauf achten, welche von euren Freunden und Kollegen genutzt wird. Die meisten arbeiten sogar mit zwei bis drei DAWs, da ihre Klienten unterschiedliche Programme nutzen. Dies bedeutet aber auch, dass ihr Funktionen, Short-Cuts und die Haptik eines jeden Programms neu erlernen müsst. Beginnt daher zunächst mit einer DAW.
 

Interface

Interne Audio-Hardware sollte weitestgehend ignoriert werden, da sie meist nicht dem professionellen Standard im Audiobereich genügt. Die unzureichende Audioqualität solcher Onboard- und Mulitmediasoundkarten fällt gar nicht so schwer ins Gewicht; problematischer sind die zu starker Latenz führenden internen Treiber. Latenz während einer Recording-Performance ist für nahezu alle Musiker ein absolutes No-Go. Apple arbeitet mit Core Audio-Treibern, PC mit dem ASIO (Audio Stream Input Output)-Treibern. Diese funktionieren mit fast gar keiner Latenz und ermöglichen ein professionelles Arbeiten.
 
Außerdem hat kaum ein Computer die passenden Ein- und Ausgänge für XLR / Instrumenten-Audiokabel. Das Interface ist also die Schnittstelle zwischen der Welt des Computers und der Außenwelt der Instrumente und Mikrofone. Wer professionell arbeiten möchte, benötigt ein Interface, das in den meisten Fällen via USB, Thunderbolt oder Firewire mit dem Computer verbunden wird. Praxisnah und am meisten genutzt sind USB 2.0 Audio-Interfaces. Obwohl der USB 3.0-Anschluss bei den meisten Hardwareteilen Standard ist, hat sich dieser in der Audiowelt (noch) nicht durchgesetzt.
 
PCI / PCIe Audiokarten eignen sich für Audio-Anwendungen mit geringen Latenzen und können auch in PCs verbaut werden. Entweder sind die nötigen Anschlüsse direkt auf der PCI-Platte verbaut oder sie finden sich in einer externen Box wieder. Genau zu beachten ist hier die Kompatibilität zwischen Rechner und und PCI-Audiokarte. PCI-Soundkarten sind anfällig für elektronische und magnetische Störfelder und können Probleme für Audioaufnahmen darstellen. Für ein-fache Vocal-Recordings reicht schon ein einziger Eingang. Möchte man aber die Akustikgitarre mit zwei Mikrofonen und Vocals gleichzeitig aufnehmen oder sogar ein Drumkit, ist ein Interface mit acht Eingängen notwendig.
 
Die meisten bekannten Hersteller versehen ihre Interface-Eingänge mit qualitativ hochwertigen Pre-Amps, die nahezu keine Färbung erzeugen und somit neutral im Sound klingen. Hochwertige Mikrofon-Preamps von Neve, SPL oder SSL sind teuer und bedürfen weitereichender Expertise darüber, was man genau mit der Farbe des jeweiligen - zumeist analogen Preamps  - soundmäßig erreichen möchte. Instrumenteneingänge (Klinke) sind genau so notwendig wie die XLR-Eingänge für zum  Beispiel Mikros. Die Hi-Z-Instrumenteneingänge sind aber oft brummanfällig, sodass man über mindestens eine D.I.-Box verfügen sollte, um solchen Problemen aus dem Weg zu gehen. Wer ausschließlich mit D.I. Boxen arbeitet, bräuchte nicht zwingend Instrumenteneingänge. Darüber hinaus sollte es grundlegend mindestens zwei Mono-Ausgänge (Main-Out) für die Abhören geben. Ein separater Phones-Ausgang ist auch sehr praktisch, der am besten über Wahlschalter zwischen Abhöre und Phones oder nur Phones verfügt.
 
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Text: Tobias Mertens
Foto: Shutterstock

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