Synthesizer-Manufaktur: Marienberg Devices

19.03.2020 16:00

Im Rahmen der KEYS-Interview-Reihe "5U-Modularsysteme aus Deutschland" haben wir uns ausführlich mit Steffen und Holger Marienberg von Marienberg Devices Germany unterhalten.

Marienberg Devices Germany auf der Superbooth 2019
Demo-System von Marienberg Device auf der Superbooth 2019. (Foto: Bernd Kistenmacher)

Das Unternehmen Marienberg Devices Germany aus Sachsen-Anhalt ist im östlichen Harzvorland in der 14 000-Seelen-Gemeinde Hettstedt ansässig und wird von den Brüdern Steffen und Holger Marienberg geleitet.

KEYS: Holger und Steffen, schaut man sich eure Website an, kann man lesen, dass ihr schon seit den 80er-Jahren, also vor dem Fall der Mauer, an der Entwicklung elektronischer Schaltungen für Musik-Synthesizer gearbeitet habt. Wie kam es dazu? Gab es eine Art Schlüsselmoment und wie kann man sich die Realisierung eines solchen Plans in der ehemaligen DDR vorstellen?

Steffen Marienberg: Eine einfache Frage, aber schwierig zu beantworten. Wir haben da beide sehr unterschiedliche Wege gehabt. Nicht zuletzt, weil Holger zehn Jahre jünger ist als ich und da seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Aber dazu sagt er am besten selbst etwas. Ein uns beide verbindendes Erlebnis, wenn man es so bezeichnen kann, ist der Umstand, dass wir beide mit Musik aufgewachsen sind und wir in diesem Bereich sehr tolerante Eltern haben. Zwischen Bach und Vivaldi standen bei uns Schallplatten von Abba, Pink Floyd oder ELP. Speziell unser Vater forderte uns immer wieder auf, „einmal genau hinzuhören“ und obwohl ich damals oft nicht verstand, was er da hören konnte, glaube ich heute, dass die erste Aufforderung „einmal genau hinzuhören“ etwas war, das ich heute gerne als komplexes analytisches Hören bezeichne. Auch wenn es kein eindeutiges Schlüssel­erlebnis gab, so war dies die Schlüsselaufforderung. Heute höre ich ganz anders, viel komplexer. Und das habe ich dieser wiederkehrenden Aufforderung unseres Vaters zu verdanken. Aber es gab natürlich auch so etwas wie rein akustische Schlüsselerlebnisse. Eines davon war die 1979er-Platte „Force Majeure“ von Tangerine Dream. Danach wusste ich, was ich wollte. Interessanterweise war ein Konzert von Tangerine Dream auch der Grund dafür, dass ich mir vornahm, nie wieder etwas mit der Konstruktion und dem Bau von Synthesizern zu tun haben zu wollen.

Holger Marienberg: Steffen entwarf und schenkte mir zu meinem vierten Geburtstag einen „Synthesizer“. Die Form war sogar einem Korg MS10 nicht unähnlich, das Gehäuse bestand aber aus furnierten Spanplatten, die Tastatur aus Kontakten einer Modelleisenbahn. Fortan verbrachte ich meine Zeit mit dieser magischen Kiste und schraubte, was das Zeug hielt, obwohl ich keinerlei Ahnung hatte, was ich da überhaupt machte. Aber das Synthesizer-Fieber packte mich und ließ mich nicht mehr los. Meine früheste musikalische Erinnerung ist übrigens ... Frank Schöbel mit „Wie ein Stern in einer Sommernacht“, gefolgt von Kraftwerks „Radioaktivität“ und „Antenne“ auf der x-ten Kopie einer verrauschten Kassettenaufnahme, wieder und wieder auf dem Stern-Rekorder in Mono abgespielt. Der nächste Schub wurde durch „Oxygene“ (Jean-Michel Jarre) ausgelöst, welche unser Vater von einer Dienstreise aus Polen mitbrachte. Ein Jahr später kam die „Equinoxe“ dazu.

KEYS: Welche Schlüsselerlebnisse hattet ihr?

Steffen Marienberg: Ich hatte durch viele Kontakte eine Karte für das Tangerine-Dream-Konzert 1982 in Gera bekommen und ich sah und hörte dort etwas, das aus einer ganz anderen Liga stammte. Heute weiß ich auch genau, was die schwarzblauen Synthesizer mit der Aufschrift „PPG Wave“ dort machten. Damals war ich davon aber so beeindruckt, dass ich zutiefst desillusioniert war. Und dann gingen wir abends Essen und an unserem Nebentisch sitzen Edgar Froese, Johannes Schmölling und Christoph Franke. Man muss sich heute mal in meine damalige Lage versetzen: 1982, der eiserne Vorhang, kalter Krieg, kein Internet, keine Fachbücher über Klangsynthese, nur sehr wenige Schallplatten und keine Möglichkeit, daran etwas in absehbarer Zeit ändern zu können. Und dann hörst du Sounds aus einer anderen Welt und isst mit den drei Göttern des Synthesizer-Olymps zu Abend. So empfand ich es und fasste einen Monat lang kein Instrument mehr an. Zu dieser Zeit war ich schon beim Studium in Berlin/Hennigsdorf und hatte die Hoffnung, irgendwann durch dieses Studium eventuell einen Teil dessen verstehen zu können, was ich in Gera gesehen und gehört hatte. Übrigens besitzen wir heute, als einige der Wenigen, drei komplette Exemplare des PPG-360/380-Systems, welches damals von Edgar Froese gespielt wurden und meines Wissens zum ersten Mal auf seinem 1979er-Soloalbum „Stuntman“ zum Einsatz kamen.

Holger Marienberg: Es gibt viele musikalische Erinnerungen und Schlüsselmomente, wie beispielsweise Eberhard Schoener mit Sting, welche ich 1978 mit dem Song „Rhine-Bow“ im Westfernsehen sah, natürlich stilecht in Schwarzweiß. Oder das Tangerine-Dream-Konzert 1983 in Halle Neustadt, bei welchem ich als elfjähriger Spund fast einschlief und mit meinem Vater vorzeitig nach Hause fuhr. Ich könnte mir heute noch ... Auch dass Steffen sich auf dem Dachkeller eine verlassene Waschküche ausbaute und darin anfing, jeden Tag seiner Leidenschaft für Elektronik zu frönen, während ich mit Eifer die heilige Pflicht des Jüngeren erfüllte, dem älteren Bruder gehörig auf die Ketten zu gehen. Einige Jahre später, kurz vor Beginn seines Studiums, entwarf er sein erstes Digital Delay. Es war ein besonderer Moment, als unsere Mutter ins Zimmer kam und Steffen ihr ein Mikro mit der Bitte vor die Nase hielt, irgendetwas zu sagen. „Mutti“ war das erste gesampelte Wort, was ich hörte und dann auch auf einer CV/Trigger-Tastatur spielen und transponieren konnte. Übrigens mit 12 Bit, womit ich damals natürlich noch nichts anfangen konnte. Solche Momente sind für einen Zehnjährigen äußerst prägend, obwohl ich mir der zeitlichen Zuordnung meiner Erinnerungen nicht ganz sicher bin. Auch die magischen Maschinen des Westens sorgten wegen mangelnder Informationen für die Entstehung von Mythen. Einen Fairlight CMI sah und hörte ich das erste Mal auf Jarres Live-Album „The Concerts in China“ (1982), das Steffen zu Beginn seines Studiums neben Tangerine Dreams „Force Majeure“ ergattern konnte. Auch seine Berichte über die schwarzblauen Synthesizer regten meine Fantasien an ... ich konnte einfach nicht genug bekommen. Heute haben sich zwei musikalische Vorlieben herauskristallisiert: Mike Oldfield und Tangerine Dream in der Phase mit Johannes Schmoelling. Die von mir am meisten gehörten Scheiben sind mit Sicherheit Oldfields „Amarok“ und Tangerine Dreams „Tangram“.


Holger Marienberg ist bei Marienberg Devices für die Entwicklung und Produktion verantwortlich. (Foto: Marienberg Devices)

KEYS: Wie ging es dann weiter?

Steffen Marienberg: Ich besserte mein Stipendium ordentlich auf, indem ich in Berlin für eine Band am FOH saß und nebenher Crossover, Digital Delays und andere Geräte baute. Außerdem wurde ich damals sehr von meinem Elektronikdozenten und Mentor unterstützt und bekam ab dem dritten Semester die Schlüssel zu den Laboren und Werkstätten mit dem Kommentar: „Machen Sie was Sie wollen, aber morgen früh sind in den Räumen Vorlesungen.“ Und da ein wesentlicher Teil des Studiums aus Regelungstechnik, Mathematik und Elektronik bestand, waren natürlich Filter- und Regelkreisberechnungen und so weiter an der Tagesordnung. Übrigens all jene Baugruppen, die sich auch in Synthesizern wiederfanden. Ich reparierte dann auch jede Menge der damaligen analogen Synthesizer im Raum Berlin, um Geld beim Studium zu verdienen. Die Unterlagen wurden abgezeichnet oder abfotografiert (Scanner gab es damals noch nicht) und so entstand ein Grundstock an Schaltungen. Egal, ob Korg oder Roland, Moog oder ARP. Das waren alles großartige Teile und ich hätte mir damals kein einziges davon kaufen können.

KEYS: Dennoch bist du in die Materie eingestiegen und bekamst die Gelegenheit, die Klassiker etwas mehr aus der Nähe zu betrachten? Habt ihr das als Brüder bereits zusammen gemacht?

Steffen Marienberg: Das, was mich bei all den Instrumenten, die ich reparierte, störte, waren deren konstruktive Unzulänglichkeiten. Ich ging damals irrtümlicherweise davon aus, dass alles, was ich als unzulänglich erkannte, irgendeinen Grund haben musste. Es waren ja Instrumente der „großen“ Firmen. Dass oftmals ökonomische Zwänge der Grund waren oder es sich schlichtweg um Oberflächlichkeit oder Trickserei handelte, erkannte ich erst später. Also entstand ein Instrument, welches diese „Nachteile“ zwar nicht mehr hatte, diese aber auf Wunsch hinzufügen konnte. Ich erkannte damals zwar die technischen Auswirkungen, aber nicht die akustischen Zusammenhänge und deshalb auch nicht die Wahrnehmung des Klanges, welche Kenntnisse der Psychoakustik erfordert hätte. Dazu fehlte mir einfach noch das gesamte Wissen.

Holger Marienberg: Nein, denn Steffen befasste sich natürlich schon wesentlich früher mit der Analyse von analogen Synthesizern. Das ist auch ein Gebiet, bei welchem ich noch nicht mal ansatzweise mitsprechen kann. Um die Jahrtausendwende fand Steffen in einem Karton die Schaltpläne seines monophonen VCS2-Synthesizers aus Zeiten seines Studiums. Ich hingegen kaufte mir fast zeitgleich ein Tesla B730, um die alten Tonbänder mit den Aufnahmen von der SFB2-„Steckdose“ und von „Electronics“, einer Sendung des DDR-Jugendradios DT64, zu digitalisieren. Darauf entdeckte ich eine Improvisation, gespielt auf dem VCS 2 und dem vollpolyphonen Synthesizer meines Bruders, welcher auf dem Prinzip der Frequenzteilung basierte, allerdings nur über ein VCF, einen VCA und zwei ADSR-Hüllkurven verfügte. Gerade der Klang des VCS 2 war einmalig und erinnerte mich an keinen anderen Synthesizer, weshalb bei mir der Gedanke aufblitzte, wie solch ein Synthesizer modernisiert, mit achtfacher Polyphonie und Speicherbarkeit ausgestattet, klingen würde. Rudimentäre Kenntnisse in Assembler waren zwar durch den C64 und Amiga 500 vorhanden, allerdings reichten sie zu dem Zeitpunkt bestenfalls aus, um Speicherzellen mit dem Basic-Äquivalent von „Peek“ und „Poke“ zu manipulieren und einfache „If/Then“-Bedingungen zu programmieren. Von digitaler Schaltungstechnik und der Hardware von Prozessoren hatte ich noch nicht die geringste Ahnung. Glücklicherweise gab es in der DDR ausreichend Fachliteratur über den „U880“, einer nichtlizenzierten Kopie des Zilog Z80, von dessen Analyse und Nachbau mein Bruder einiges zu erzählen hätte. Also frisch ans Werk, Bücher gewälzt und Bauteile bestellt, die Schaltpläne des SCI Prophet 5 und des Oberheim Xpander als Lehrbeispiel genauestens studiert, um Steffen mit einem Weihnachtsgeschenk in Form eines „VCS 2 Processor Boards“ zu überraschen. Anfangs etwas skeptisch, fing auch er schnell Feuer. Während Steffen die analogen Schaltungen erdenkt und aufbaut, übernehme ich die Fertigung, die Gestaltung der Frontplatten, des PlatinenLayouts und programmiere in meiner Lieblingssprache Assembler die Firmware digitaler Module, welche entweder ein PIC-Controller oder ein Zilog ZNEO beinhalten. Meine technologischen Anfänge liegen daher im digitalen Bereich.

Das komplette Interview lesen Sie in KEYS 04/2020 – die Ausgabe können Sie gleich hier im Shop bestellen!


Text: Bernd Kistenmacher

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