Test: Ketron SD9 PRO live Station

18.04.2018 14:19 | Blog

Mit der SD-Serie und den Audya-Geräten führt Ketron zwei Produktlinien mit unterschiedlicher Ausrichtung. Dabei fließen Innovationen typischerweise in die Audya-Geräte ein, verbunden mit einer komplexeren Bedienung. Die SD-Serie hingegen schreibt sich eher das zugängliche Bedienkonzept auf die Fahnen. 

Das neue SD9 ist aber nicht „nur“ die Weiterentwicklung des bewährten SD7, sondern mit einigen Funktionen der Audya-Serie ausgestattet, allen voran den Audio-Drums, die den Styles einen spürbaren Live-Charakter geben. Mit dem neuen, luxuriösen 7-Zoll Touchscreen setzt es sich in Punkto Bedienbarkeit sogar an die Spitze der Ketron-Familie. Dabei ist das SD9 trotzdem voll kompatibel zum SD7. Der Umzug sollte problemlos vonstatten gehen.
Nicht nur den typischen Entertainer, der auf der Bühne möglichst flexibel sein will, sieht man beim SD9 im Focus, sondern den Produzenten im Home Studio. Daher stattet man das Instrument mit interessanten Funktionen für die Musikproduktion aus, allen voran dem neuartigen Launchpad-Konzept, das auf Basis von Loops und Szenen arbeitet. 
 
Outfit
Das SD9 bleibt mit seiner klaren Linienführung und der dezenten, dunkelgrauen Gehäusefarbe dem typischen Ketron SD Design treu. Aufgeräumt wirkt das Bedienfeld, in dessen Mitte der neue kapazitive 7-Zoll-Touchscreen prangt. Entlang der Seiten des Bildschirms sind die Fader zur Lautstärkesteuerung der Style-, Live- und Playerspuren angeordnet. Oberhalb der Tastatur finden sich die Steuerungs-Buttons für den Arranger und Funktionstaster für Effekte und Vokalprozessor.
Mit 76 Tasten hat das Gerät genau den richtigen Tonumfang für pianistisches Livespiel und bleibt mit einem Gewicht von 16 kg trotzdem gut transportabel. Die Abstimmung der halbgewichteten Tastatur gefällt und man fühlt sich direkt wohl auf den Tasten. Ausdrucksvolles Klavierspiel ist damit ebenso möglich wie typische Orgelphrasierung oder schnelle Synthieläufe. Wie gewohnt stehen verschiedene Spielmodi wie die Volltastatursteuerung des Arrangers oder Bassist-Funktionen zur Verfügung. Das Akkordeon-Menü wurde überarbeitet und bietet den Classic-Modus für bis zu drei Sounds mit der rechten Hand und zwei mit der linken, sowie den Style-Modus zur Steuerung des Arrangers mit der linken Hand. Außerdem lässt sich im Orgelmodus ein zusätzlicher Pedalbass spielen.
Ab Werk ist das Gerät mit 16 GB Speicher auf SSD-Basis ausgestattet. Wer von den reichhaltigen Audio-Funktionen des Instrumentes ausgiebig Gebrauch macht, könnte hier früher oder später Erweiterungsbedarf sehen. Zusätzlich lassen sich bis zu drei USB-Medien auf der Oberseite des Gerätes anschließen. Außerdem sind Ausbau-Kits mit HD- oder SSD-Platten in verschiedenen Größen beim Vertrieb erhältlich. 
Die rückseitigen Anschlüsse lassen fast nichts vermissen. Zur MIDI-Kommunikation kommen zwei konventionelle MIDI-ins sowie je ein MIDI-out und -thru zum Einsatz. Zeitgemäßes MIDI per USB-Verbindung ist ebenfalls möglich. Der Datentransfer vom und zum Rechner erfolgt über die USB-Device-Buchse. Wie für Ketron typisch, werden MIDI-Akkordeonisten beim SD9 gut bedient – nicht nur durch die zwei MIDI-Eingänge, sondern durch frei konfigurierbare MIDI-Setups von Sende- und Empfangskanälen, die in den Registrationen gespeichert werden. Tipp: Der rückseitige Kopfhörerausgang lässt sich zum Stereo-Aux-Out umkonfigurieren, über den sich so mittels eines Y-Kabels entweder Drums, rechte Hand, Bass oder ein Metronom-Click separat ausspielen lassen. 
Das Mikrofon wird über eine Kombibuchse mit regelbarem Gain angeschlossen, ein zweites Mikro oder eine Gitarre per Klinkenbuchse. Unverständlicherweise gibt es keinen Einschleifweg für Stereoklangquellen. Ebenfalls wenig begeistert waren wir von der Stromversorgung mit externem 9V-Netzteil. Wer neben Volumen- und Sustain-Pedal weitere Fußcontroller bedienen will, kann die optionalen Ketron-Fußschalter FS6 oder FS13 an die dafür vorgesehene Spezialbuchse anschließen. Zur Anzeige von Karaoke Lyrics oder zum Spiegeln des internen Displays auf einen externen Monitor dient der DVI-Anschluss.
Dank des neuen Touchscreen-Displays, das sich aufgrund des angeschrägten Gehäuses gut ablesen lässt, kann man auf viele Tipptaster verzichten und das Gerät flüssig bedienen. Einzig bei der Verwendung von Display-Slidern für die Filter-Effekte hakte die Bedienung etwas.
 
Klangerzeugung
Neben 672 GM-Sounds gibt es 368 Preset Voices, aus denen sich maximal 1500 Uservarianten erstellen und ablegen lassen. Die Werksounds klingen durchweg gefällig bis sehr gut und zeigen ihre Stärken insgesamt im Bereich der akustischen Klänge und Natursounds, weniger im trendigen Synthesizerbereich.
Die Klangerzeugung wartet zwar nur mit einer eher durchschnittlichen Polyphonie von 128 Stimmen auf, dafür wurde aber die Soundlibrary deutlich aufgefrischt: Besonders die beiden neuen Stereo-Flügel wissen zu gefallen. Die Romantic-Variante liefert namensgemäß einen verträumt-lyrischen Ton, Jazz Concert klingt dagegen direkter und perkussiver. 
Nah am Original sind die beiden Vintagepianos Rhodes und Mark. Es lohnt sich durchaus, diese selbst mit verschiedenen Effektkonfigurationen zu bearbeiten und als User Voice abzulegen. Auch Orchesterklänge, wie Strings, Brass und Ensembles wurden überarbeitet, ebenso wie die Solosounds Oboe, Soprano, Violine und Flöte.
Eine überzeugende Auswahl an Orgeln ist an Bord, darunter neben einigen sakralen und Theatermodellen verschiedene Hammondsounds, von denen die Gospel- und Jazztypen gut gefallen, die rockigen Varianten klingen allerdings recht brav. Überzeugend klingt die Umschaltung von langsame auf schnelle Leslie-Geschwindigkeiten. Auf virtuelle Zugriegel wie bei den Audya-Modellen muss man verzichten, ebenso auf spezielle Supersolo-Klänge.
Samples können am SD9 erstellt, bearbeitet und in verschiedenen Playern weiter verwendet werden. Ebenso lassen sich fertige Loops vom PC auf den internen Speicher des Geräts überspielen. Die Einbindung von Samplesounds für die rechte Hand ist in Vorbereitung.
 
Styles
Die Arranger-Sektion des SD9 bietet 446 üppig instrumentierte Styles mit 4 Variationen, 4 oder mehr Fills, 4 Breaks, 3 x Intros bzw. Endings. Vorhandene Styles können mittels Live Modeling überarbeitet oder von Grund auf neu erstellt werden, indem man auf die riesige Bibliothek an vorproduzierten Begleitpatterns oder Arpeggien zurückgreift und diese nach eigenem Geschmack zu einem neuen Userstyle zusammensetzt. Interessant ist dabei die Möglichkeit, live eingespielte Phrasen einzusetzen.
Mit den live gespielten Audioloops klingt die Begleitung lebendig und „groovy“. Dazu ist das SD9 mit 250 Audiodrums ausgestattet. Die User Audiodrums vom Audya sind kompatibel, Loops aus einer Audya-Bibliothek können in das SD9 importiert werden und lassen sich zum Restylen von MIDI-Files benutzen. Zusätzlich sind 400 Percussion-Grooves an Bord, sowie mehr als 100 neue live gespielte Gitarrenfiguren – Live Guitars – in den Stilrichtungen Folk, Gypsie-Style, halbakustisch (für Lounge-Jazz), sowie Rock und Dance. Liebgewonnene Styles älteren Datums lassen sich mit den Audio-Phrasen neues Leben einhauchen. Die Styles kann man zum schnellen Abruf unter My List ablegen. Zeitgemäße Registrierungsfunktionen und One-Touch-Settings verstehen sich von selbst. 100 typische Entertainer-Registrierungen aller Sparten sind beim Vertrieb kostenlos erhältlich. 
 
Player
Playerfunktionen sind heute unverzichtbarer Bestandteil jedes professionellen Arrangers und mit zwei unabhängigen Playereinheiten, die diverse Audio, Bild und Videoformate abspielen können, ist das SD9 diesbezüglich gut aufgestellt. Es kann MIDI-Files ebenso wie MP3, WAV oder Karaoke-Dateien wiedergeben und für letztere die Texte auf einem separaten Monitor anzeigen. Interessant für Keyboarder, die mit wechselnden Besetzungen arbeiten, ist die Audio-Multitrack Wiedergabe, deren sechsspurige Backingtracks sich dann flexibel an- oder abschalten lassen – vorausgesetzt, man hat das Repertoire entsprechend mehrspurig vorproduziert. Mit der Playbox-Funktion ermöglicht das SD9 einen schnellen Zugriff auf MIDI-, MP3- oder WAVE-Files aus einer Sammlung von 4 x 1024 Einträgen.
 
Launchpad
Ein im Arrangerbereich neues und spannendes Playerkonzept bietet das Launchpad. Dieses basiert auf Szenen, in denen bis zu 12 Loops kombiniert und von Pads getriggert werden können, wie man dies bisher nur von spezialisiertern DJ-Controllern kannte. Dazu kommen entweder interne Audio-, Percussion oder Gitarrenloops zum Einsatz, importierte WAV-Dateien oder gerenderte Phrasen des internen Style-Players. Jedes Launchpad-Projekt kann aus maximal sechs Szenen bestehen, die auch im Songmodus gewechselt werden können. Entsprechende Vorbereitung vorausgesetzt, lassen sich damit Tracks spontan und interaktiv kombinieren. Das ist ideal für zeitgemäße Dance- oder Chill-Out-Beschallung und z. B. als stylishe Backgroundmusik für Gala oder Strandbar interessant. Entsprechende Festplattenkapazität vorausgesetzt, sind bis zu 2048 Launchpad-Projekte möglich.
Die „Besetzung“ eines Styles lässt sich in ein Launchpad-Projekt kopieren. Da es sich dabei dann um MIDI-Phrasen handelt, kann der Grundton, bzw. die Grundtonart durch Spielen des entsprechenden Akkords verändert werden. Zusätzlich lassen sich die Loops durch die Filterfunktion Cutoff und Resonanz zeitgemäß klanglich in Echtzeit manipulieren. Mit dem internen Audiorecorder lässt sich das Ganze sogar aufnehmen und der Mix zum klanglichen Feinschliff in ein Masteringprogramm übertragen. Wavelab ist beispielsweise ein solches.
 
Effekte
Gewohnt bodenständig ist die Effektabteilung des SD9 ausgestattet: Für die rechte Hand steht ein Insert-Effekt zur Verfügung, bei dem man die Auwahl aus 64 Presets und 10 User Multi-Effektketten hat. Leider muss man sich diesen Inserteffekt mit einer ggf. am Input 2 angeschlossenen Gitarre teilen. Die zweite Multieffektkette steht für die GM-Sounds zur Verfügung. Dass Ketron mehr zu bieten hat, zeigt der DSP-Chip der Audya-Geräte.
Mikrofon 1 lässt sich mit fünf typischen Effekten wie Noise Gate oder Compressor bearbeiten und mit einem Vocal Harmonizer um drei Begleitstimmen erweitern – dies alles mit ordentlichen, wenn auch nicht unbedingt spektakulären Ergebnissen. Alternativ lässt sich das am Micro-Out anliegende Signal auch von externem Equipment weiter bearbeiten. Im Effekt-Menü kam es während des Tests zu Ungereimtheiten bei der Bedienung, vor allem bei der Auswahl von Effekt-Ketten. Dafür stellen die überarbeiteten Effektprogramme, insbesondere im Hallbereich, eine hörbare Verbesserung dar.
 
Praxis
Die Bedienung des SD9 gestaltet sich – wie für Ketron typisch – trotz des gewaltigen Funktionsumfangs recht intuitiv. Ketron Neulinge, die sich bei diesem Gerät aber durchaus „verirren“ können, sollten auf das kleine „Home“-Symbol achten, das unter dem Style-Button angebracht ist und mit dem man wieder in den Style-Play-Modus zurückkehrt. Die Gestaltung mit großer Schrift nimmt man in Bühnensituationen dankbar auf, die eingebaute Onlinehilfe ist bei den ersten Schritten oder beim Erkunden fortgeschrittener Funktionen eine große Unterstützung. Die Sprache des Online – Manuals kann unter „Preferences“ auf Deutsch umgestellt werden. Für Anfang 2018 ist zudem ein umfangreiches Praxishandbuch angekündigt, das als PDF-Version kostenlos zum Download bereitstehen wird.
Das Update 1.0.3, das uns im Test leider nicht zur Verfügung stand, soll eine ganze Reihe neuer Funktionen enthalten, von der Echtzeitsteuerung von Filtern und Hüllkurven über Legatofunktionen (monofon und polyfon) bis zu Verbesserungen im Effektmenü. Ebenfalls seit Dezember soll ein USB-Stick mit 40 Audya Styles samt Audio-Loops verschiedenster Genres erhältlich sein.
 
Fazit
Für alle Entertainer, die bei einfacher Bedienung große Flexibilität wünschen, gerne Styles selbst verändern und eine möglichst lebendig klingende Begleitsection suchen ist das SD9 ein spannender Kandidat. Das Gerät beherrscht alle Fileplay-Standards, die heute üblich sind, und bietet mit dem Launchpad eine Spielwiese für Loop-basiertes Live-Spiel.
Die Effektsektion ist eher puristisch ausgelegt, was aber in der Regel nur ambitionierte Soundbastler stören wird. Kleinere Bugs im Bereich des Effektmenüs sollten durch das Update 1.0.3 behoben werden. Das Ketron ist ein vielseitiges und intuitiv bedienbares Bühnenarbeitstier für alle Fälle und glänzt mit einer großen Anzahl an inspirierenden Audio Styles.
 
Diesen Artikel und weitere Themen finden sie in der Ausgabe 2/18 der Tastenwelt.

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