Test: M-Audio Hammer 88

29.06.2018 15:52 | Testberichte, Blog

Mit dem Schritt, einen Controller ohne eigene Sounds aber mit hochwertiger Tastatur auf den Markt zu bringen, betritt M-Audio zwar kein unerschlossenes Terrain, erweitert aber das eigene Portfolio für eine pianistisch ambitionierte Zielgruppe. Auffällig wird dies im Vergleich zu anderen Tastaturen aus dem Hause M-Audio zum Beispiel durch das Fehlen von Transpose-Tastern.
Mitgeliefert wird ein umfangreiches Bundle an Softwareklangerzeugern für Plug-Ins verschiedener Tasteninstrumente, die in der Regel ein iLok-Konto zur Lizenzierung erfordern. Dieses ist bei Bedarf aber schnell eingerichtet. Enthalten ist unter anderem eine Lizenz für das E-Piano-Plugin „Velvet“, das (in der aktualisierten Version 2.0) ansonsten 69 Euro kostet, das mit fünf ordentlichen Varianten von Rhodes über Wurlitzer bis Hohner sowie einer gut klingenden und flexiblen Effektsektion ausgestattet ist. Außerdem erhält man mit „Eighty Eight“ von SONiVOX gleich einen ersten virtuellen Flügel dazu, der in einer ähnlichen Preisklasse rangiert und dafür einen recht ansprechenden Sound bietet. Die Orgelsounds der DB-33, die auf Modelingbasis erstellt wurden, bieten einen guten ersten Einstieg in die Welt der virtuellen Keyboards. Dazu kommen Einsteigerversionen von ProTools und Ableton, womit man gleich ein gutes DAW-Startpaket sein eigen nennen kann. Für Klaviereinsteiger interessant mag die Drei-Monats-Lizenz für die Online Unterrichtsplattform Skoove sein. 
 
Äußerliches
Mit dem Design hat M-Audio schon einmal voll ins Schwarze getroffen, nicht nur farblichlich, sondern auch durch die geschwungenen Formen, die dem Gerät einen Hauch von Noblesse mit einer gewissen futuristischen Note geben, was dem Instrument gut zu Gesicht steht und konzeptionell völlig passend erscheint. Praktischerweise kann ein mitgelieferter Notenhalter in die Haltevorrichtungen eingesetzt werden. Dieser ist recht einfach gehalten, besitzt keine durchgehende Auflagefläche, dafür aber eine griffige Unterseite. Für Leadsheets sollte das ausreichen; mehrseitige Chopinstücke möchte man darauf eher nicht umblättern. 
Auf der linken Seite des Tastaturblocks sind die beiden rot beleuchteten, großen und griffigen Pitchbend- und Modulationsräder angebracht, über denen sich zwei Taster für beliebige frei zuweisbare Parameter befinden. Ganz oben ist der Master Volume Fader platziert, der keine internen Sounds regeln kann, sondern standardmäßig den Controller 7 sendet, was man aber mittels der Hammer 8 Control Software auf beliebige andere Ziele, wie z.B. Expression verändern kann.
 
Anschlüsse
Das Hammer 88 kommuniziert nicht nur per USB mit dem Computer, sondern kann von dort mit Strom versorgt werden. Mittels Camera Connection Kit lässt sich das Hammer 88 mit iOS-Devices nutzen. 
Zusätzlich lässt sich eine stabile Stromversorgung per mitgeliefertem Netzadapter gewährleisten. Neben einem Sustainpedal lassen sich ein weiterer Fußschalter, sowie ein Expression-Pedal anschießen. Ein klassisches Dreifach-Fußpedal wie bei manch anderen Piano-Controllern gibt es nicht als Zubehör und lässt sich auch nicht mit Hilfe des Preset Editors realisieren, da das Expression-Pedal nicht zu einem Taster umfunktioniert werden kann.
MIDI-Module kann man per herkömmlichem MIDI-out ansteuern. Da das Hammer 88 aber über keine eigenen Programmiermöglichkeiten verfügt, sollte das Modul dann weitgehend editierbar sein. Leider können Program Changes weder vom Keyboard selbst noch von der Editor Software aus gesendet werden. Als Haupteinsatzweck des Gerätes wird damit hauptsächlich die Verbindung mit DAWs und Plug-Ins angedacht sein oder aber „Host“-Keyboards oder Module, die selbst über Layer oder Splitverwaltung verfügen, wie z.B. Workstations. 
 
Tastatur
Die Hammermechaniktastatur sorgt für das stattliche Gewicht von 17,5 kg. Zwar handelt es sich nur um Plastiktasten ohne Komfortmerkmale wie imitierte Elfenbeinbeschichtung, die dementsprechend nach einiger Zeit eine etwas schwitzige 
Haptik vermitteln kann, das Repetitionsverhalten ist aber sehr gut, die Tastenabmessungen dem Flügel überzeugend nachempfunden und die dynamische Ansprache mittels Dreifach-Sensorik sehr gut, sodass trotz realistischen Tastengewichts auch flinke Läufe lässig von der Hand gehen. Das führt dann aber zu leicht gummiartigen hörbaren Taturgeräuschen bei härterem Anschlag. Leider haben die schwarzen Tasten etwas seitliches Spiel, durch die mangelnde Seitenführung können (aber nur bei brachialem Anschlag) leicht knackende Plastikgeräusche entstehen, bei denen man sich ein wenig Sorge macht, ob die Tastatur Rachmaninov-Etüden oder Liszt-Preludes unbeschadet übersteht. 
Doch für die Zielgruppe der Tastenlöwen wurde das Hammer 88 auch gar nicht entworfen, weshalb unterm Strich die Tastatur für diesen Preis gelungen ist. Die Velocityabstimmung wird im Editor vorgenommen, ist aber mit vier Kurven und drei festen Velocitywerten etwas rudimentär ausgefallen. Zumeist bieten die Plugins weiter reichende Anpassungen an. Die dynamische Abstimmung ab Werk ist sehr gelungen, nicht nur in Verbindung mit den gebundelten Instrumenten, auch das Zusammenspiel mit Vienna Imperial und Bechstein Digital Grand gelang sehr zufriedenstellend.
 
Praxis
Das Hammer 88 wird komplett über den Software Editor gesteuert. Will man Veränderungen vornehmen, ist der Anschluss an einen Rechner zwingend notwendig. Hier lassen sich maximal vier Tastaturzonen konfigurieren, Buttons und Fader zuweisen und die Pedal-Funktionen detailliert einstellen. Die Presets lassen sich speichern und laden, allerdings nur über die Datei-Funktionen des Rechners. 
 
Fazit
Auch wenn es im Preisbereich um 500 Euro einige Mitbewerber mit 88er-Tastatur gibt, kann sich das Hammer 88 doch durch seine gute Hammermechanik-Tastatur und die beiden Räder für Pitchbend und Modulation sowie Anschlussmöglichkeiten für drei Pedale erfolgreich abheben. Eine authentische Flügelhaptik kann und darf man hier aber nicht erwarten, die bleibt nach wie vor Geräten aus anderen Preisklassen vorbehalten. Die Einstellungen des Editors lassen sich permanent im Gerät speichern, jedoch hat das Gerät nur einen Preset-Slot. Dazu sollte allerdings das Firmware Update (1.0.9.) installiert sein.
Das umfangreiche Softwarebundle wirkt sich natürlich positiv auf das Preis-Leistungsverhältnis aus. Damit erhält man ein ordentliches Einspielkeyboard für den Rechner, insbesondere für Piano-Plugins. 
Auch als Übetastatur oder Komplettpaket für den tastenaffinen Einsteiger ins DAW-Recording überzeugt das Hammer 88, insbesondere bei einem Straßenpreis von aktuell 469 Euro.
 
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