Test Moog Grandmother

10.09.2018 14:36 | Blog

Vor über 50 Jahren etablierte Pionier Robert Moog den Synthesizer als Tasteninstrument. Mit dem neuen Produkt Grandmother kehrt Moog Music 2018 auf vertrautem Boden zurück. Es handelt sich um einen halbmodularen Synthesizer plus Federhall und Stepsequencer. Seine profunde Ausstattung übertrifft die des seit 2016 verfügbaren tastenlosen Produkts Mother-32, das sich im Eurorack-Format unterbringen lässt. Freilich bietet Moog weiterhin die Phatty-Serie, darunter der sehr verbreitete Moog Sub 37, mit durchaus erschwinglichen Tastatur-Synthesizern, die aber für die intensive Klangforschung nicht so flexibel sind wie Grandmother. Drei Faktoren stimmen bei diesem farbenfrohen Gerät: Kult, Haptik und Spaß beim Klangschrauben.

 

Erscheinung und Funktionalität

Auf den ersten Blick erinnert das Testgerät mit seiner farbigen Unterteilung der Klangmodule fast an ein Schulungsobjekt, das die Komponenten der subtraktiven Synthesizer veranschaulicht. Sowohl Größe als auch das Gewicht erlauben einen leichten Transport. Die hochwertige Klaviatur mit 32 Tasten und zwei Oktavtastern lässt sich gut spielen. Sie verarbeitet Anschlagdynamik, die über MIDI und je nach Patch auf die Klangerzeugung ausgegeben werden kann. Als Spielhilfen dienen zwei Handräder, Glide-Regler sowie drei Tasten (Play, Hold und Tap) für den Arpeggiator/Step-Sequencer.

Auf der Rückseite findet sich ein Regler zur Feinstimmung sowie je eine Klinkenbuchse für den Audio-Ein- und Ausgang. Über den Eurorack-Ausgang lässt sich das Ausgangssignal an modulare Synthesizer weitergeben, während die weitere Integration über die zahlreichen Patchbuchsen auf der Gehäuseoberseite erfolgt. Natürlich gibt es ein MIDI-Trio sowie ein USB-MIDI-Port.

 

Die Tonerzeugung ist klassisch aufgebaut: Zwei spannungsgesteuerte Oszillatoren (Dreieck, Sägezahn, Rechteck, schmale Pulswelle) mit Hard-Sync sowie ein Rauschgenerator liefern den Basisklang. Externe Audiosignale lassen sich über den dreikanaligen Mischer zuführen. Es folgt der Filterblock mit klassischer Moog-Kaskade, ergänzt um einen 6-dB-Hochpass, der über Patchbuchsen einbezogen werden kann. Am Ende des Signalwegs steht der VCA mit ADSR-Hüllkurve, die auch variabel auf das Filter wirken kann. Als weitere Modulatoren wird ein LFO mit großem Frequenzbereich geboten, ein Sync-Eingang und Sample/Hold-Ausgang.

Zur flexiblen Neuverschaltung und einer Interaktion mit externen Synthesizern oder Modulen verfügt Grandmother über 41 Patchbuchsen (21 Eingänge und 20 Ausgänge) einschließlich eines Multiples zur Verteilung von Audio- und Steuersignalen und einem Abschwächer. Dieses üppige Aufgebot reicht für etliche Tage des Experimentierens und stellt gleichzeitig einen idealen Start in die Welt der Modulsysteme dar. Abgerundet wird die Ausstattung durch einen zumischbaren Federhall mit 6“-Hallspirale, die über rückwärtige Buchsen als eigenständiges Effektgerät nutzbar ist.

Über die reine Klangschöpfung hinaus, hält Grandmother noch einen kombinierten Arpeggiator und Step-Sequencer mit drei Speicherplätzen bereit, der sich in beide Richtungen mit analogen Instrumenten synchronisieren lässt. Pro Sequenz lassen sich bis zu 256 nachträglich editierbare Noten aufzeichnen, einschließlich Pausen und Legati.

 

Klang und Praxis

Grandmother beherrscht praktisch alle klassischen monophonen Analogklänge, die man seit dem Minimoog kennt. Dabei spürt man das analoge Innenleben – es ist eben kein virtuelles Instrument! Im direkten Vergleich mit einem Moog Sub 37 wirkt das Testgerät etwas wärmer und einen Tick weicher. Von tiefen Bässen bis zu den hohen Registern klingt es herrlich ausgewogen. Fette Bässe, zackige Sequenzerklänge und durchsetzungsfähige Solosounds sind bestens realisierbar. Natürlich lassen sich auch fiese, geräuschhafte und brachialere Sounds erzeugen, klangliche Brutalität liegt diesem fein klingenden Synthesizer eher fern.

 

Die Hardware fühlt sich insgesamt wertig an und erlaubt einen angenehmen Zugriff auf alle Bedienelemente. Nicht nur die farbliche Unterscheidung der einzelnen Module ist hilfreich, sondern auch die Anordnung der Patch-Punkte. Anders als bei Mother-32 liegen sie nicht gemeinsam auf einem Feld, sondern sind verteilt auf der gesamten Oberfläche, wodurch die Verbindungen optisch und logisch nachvollziehbar sind. Die mitgelieferte deutsche Anleitung ist ausführlich und verständlich geschrieben. Sie könnte aber einige kommentierte Praxisbeispiele enthalten.

Mangels Display ist das Tempo für den Arp/Sequencer nicht dediziert einstellbar. Allerdings kann man sich auf die Tempo-Synchronsiation über MIDI und die analogen Buchsen verlassen. Globale Einstellungen wie MIDI-Kanal oder Local On/Off erfolgen über die Klaviatur. Eine Software, mit der sich Sequenzen und Klangeinstellungen wie beim Synthesierbass-Modul Moog Minitaur verwalten lassen, wird hingegen wohl ein Wunschtraum bleiben.

 

Fazit

Ob Anfänger oder Profi: Man wird mit diesem inspirierenden Instrument glücklich. Grandmother überzeugt klanglich und mit seiner intuitiven Bedienung. Praktischerweise kann man einfach starten und sich je nach Bedarf immer weiter mit Patchkabeln in Klangexperimente stürzen. Für den Livemusiker wären natürlich Speicherplätze und ein kleines Display nützlich, Grandmother will aber nicht als Preset-Gerät verwendet werden. Dieses Konzept sollte man respektieren oder besser ein Modell aus Moogs Phatty-Serie wählen. Im Vergleich zur tastenlosen Tochter, Moog Mother-32, bietet Grandmother einen deutlichen Mehrwert dank zweier Oszillatoren nebst Sync und Rauschgenerator, mehr Wellenformen, Federhall, erweitertem Step-Sequencer sowie angenehmerer Handhabung. Alle Keyboarder, die sich schon immer einen echten Moog mit halbmodularer Synthese wünschten und Lust haben aufs Patching, bekommen nun eine reale Chance zum fairen Preis – Vintage Charme pur!

Moog Grandmother

Vertrieb                         EMC

Internet                          www.moogmusic.com, www.emc-de.com

Preis (UVP)                  1.099 Euro

 

+                 überzeugendes Konzept
+                 souveräner Moog-Sound
+                 außergewöhnliches Produktdesign

+                 einfache Bedienung
+                 hochwertige Verarbeitung         

-                  keine Klangspeicher

 

Dies ist ein Test aus der Tastenwelt 5/18: https://www.ppvmedien.de/Tastenwelt-05-2018-Printausgabe-oder-PDF-Download 

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