Wersi Sonic OAX1: Orgel de luxe

13.02.2019 16:14

Das Sonic OAX1 von Wersi ist nicht nur eine einmanualige Orgel. Vielmehr ist es ein praktisch universell einsetzbares Keyboard, in das ein kompletter PC mit Windows 10 eingebaut ist. Das Keyboard bietet damit nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Klangformung und Erweiterbarkeit. Dank schnellem Prozessor und großer SSD-Festplatte ist das OAX1 bereit für die Zukunft. Wie sich das Keyboard im Hier und Jetzt schlägt, hat Tastenwelt ausführlich getestet.

Wersi Sonic OAX1

Orgel-Tests findet man seit längerer Zeit leider kaum noch. Das liegt schlicht daran, dass sich die Zahl der Orgel-Hersteller auf dramatische Weise dezimiert hat. Dramatisch deshalb, weil die Orgel nach wie vor ein faszinierendes Instrument mit annähernd unbegrenzten Möglichkeiten ist. Jeder, der aktiv Orgel spielt und schon einmal sprichwörtlich mit zwei Händen und Füßen sein eigenes komplettes Orchester dirigiert hat, wird dem wohl nur zustimmen.

Keyboard – oder Orgel – oder beides?

Was wir heute testen, ist das OAX1 von Wersi, und richtig, dabei handelt es sich zunächst einmal um ein Keyboard und „schon wieder“ nicht eine Orgel. Allerdings gibt es dazu zwei „Aber“: Erstens kann man das OAX1 um ein 76 Tasten-Untermanual erweitern und dann tatsächlich wie eine Orgel spielen. Das ging schon beim Vorgängermodell, dem Abakus, und diese Tradition wird hier fortgeführt. Dazu legt man einfach die zusätzliche Tastatur auf den Ständer, setzt das OAX1 wie gewohnt obendrauf, stellt eine Kabelverbindung her, und das war’s schon – im Handumdrehen hat man tatsächlich eine Orgel, die sich, wenn man das möchte, per weiteren Anschluss auch noch um ein Pedal erweitern lässt. Zweitens unterscheidet sich das „Innenleben“, also die Ausstattung und die Sounds, des OAX1-Keyboards in nichts von den größeren Orgeln. Alles, was hier zum Technischen und Musikalischen im Folgenden beschrieben wird, gilt also nicht nur für das konkret zu betrachtende OAX1-Keyboard, sondern auch für die großen Orgeln mit den Namen OAX 500, 600, 700 und 800 bis hin zum dreimanualigen Top-Modell, der Pergamon OAX1000 für stolze 40.000 Euro – sozusagen ein „OAX Universal-Test“. Das war übrigens schon immer eine Besonderheit und ein echter Vorteil von Wersi, dass selbst die kleineren Instrumente den großen Top-Flaggschiffen in nichts nachstehen, was das Musikalische und die Soundqualität betrifft.

Jeder kann sich also je nach Geschmack (zum Beispiel Instrumenten-Design, Transportabilität und so weiter) und Budget in jeder Preislage den typischen Wersi-Sound nach Hause holen. Die vielen verschiedenen Modelle haben dabei alle ihre Daseinsberechtigung, denn es macht natürlich einen Unterschied, ob man ein Konzert-Instrument braucht, ob man zuhause den notwendigen Platz dafür hat und die Orgel vielleicht sogar ein Stück weit als „Möbelstück“ sieht, oder ob man auf der Bühne unterwegs ist und auf Gewicht und Mobilität achten muss. Der Einstieg in die aktuelle OAX-Welt ist das hier vorgestellte Keyboard OAX1. Das Topmodell, wie schon erwähnt, ist die dreimanualige Pergamon OAX100 – und zwischen diesen beiden Instrumenten liegt immerhin ein Preisunterschied von 32.000 Euro!

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit…

Zunächst stellt sich die Frage, wie weit wir für diesen Test in der Historie zurückgehen sollten. Allzu weit wollen wir das nicht tun, aber nicht jeder Leser ist zwangsläufig mit dem Background der Firma Wersi vertraut. Um das Konzept von „OAX“ zu verstehen, sollte man wenigstens ein klein wenig über die Hintergründe wissen. Mit Wersi bringen viele immer noch automatisch die großen Bühnen-Orgeln und namhafte Stars wie an erster Stelle Franz Lambert in Verbindung. Vorweggenommen: Ja, auch auf den heutigen Wersi-Instrumenten gibt es ihn natürlich noch, den typischen Wersi-Orgelsound, der die Orgeln über Jahrzehnte legendär gemacht hat! Man will ja schließlich nicht irgendein Instrument und kauft nicht ohne Grund eine echte Wersi. Aber klar ist natürlich, dass auch Wersi längst mit der Zeit gegangen und im 21. Jahrhundert angekommen ist, denn sich auf dem legendären Orgelsound allein auszuruhen, wäre auf dem heutigen Markt längst unmöglich, und mit diesem Sound alleine wäre es auch heutzutage für die Bühnenmusiker da draußen ziemlich schwierig, einen kompletten Abend zu gestalten.

Im 21. Jahrhundert angekommen wäre aber zu wenig gesagt. Wersi ging es eigentlich nie darum, nur Trends zu folgen, sondern im Gegenteil eher darum, welche zu setzen. Zumindest ist das in der Vergangenheit gelungen, mit den Orgeln war es von Anfang an so. Ein Aufhorcher – wenn auch ein nicht unumstrittener – war es dann auch, als im Jahr 2000 die OAS-Serie neuer Instrumente auf den Markt kam. OAS stand dabei für Open Art System – ein offenes System, bei dem im Innern der Orgeln oder Keyboards erstmals ein Windows-PC arbeitete. Die Idee dahinter ist ganz einfach erklärt: Durch den Einsatz aktuellster PC-Technologien sollte es möglich sein, das Instrument immer auf dem neuesten Stand zu halten (dieser Philosophie folgte Wersi in Zeiten von Selbstbau-Instrumenten übrigens durch Nachrüstsätze auch schon immer) und quasi durch den Austausch von Software im Extremfall sogar ein komplett neues Instrument zu bekommen. Dabei sollte vor allem die Kompatibilität zur heutigen Computerwelt mit allen gängigen Datenformaten wie MIDI, Wave-Audio, MP3, aber auch Videoformaten gegeben sein. Das alles kombiniert mit schnellen Schnittstellen für den Datentransfer wie USB, CD, DVD und schließlich sogar Anschluss ans Internet. Natürlich wurde es dadurch auch erstmals möglich, Plugins von Fremdherstellern (VSTs) zu nutzen und auf einmal Sounds von Steinberg, Native Instruments und wie die namhaften Anbieter alle heißen, zu spielen oder auf die AKAI-Datenbank zuzugreifen – die Orgel als Hardware-Controller quasi.

…und in die Gegenwart

OAX ist nun seit einigen Jahren die Weiterführung von OAS. OAX steht für Open Art Extended, also erweitert. Die wirkliche Veränderung manifestiert sich dabei natürlich in mehr als nur dem einen veränderten Buchstaben. Noch immer ist es ein Windows-PC, der als zentrale Einheit in der Orgel oder dem Keyboard arbeitet. Das Betriebssystem ist jetzt Windows 10 64 Bit, ein i7-Prozessor verrichtet seinen Dienst, 16 GB RAM Arbeitsspeicher stehen zur Verfügung (davon sind 6 GB für eigene Samples nutzbar), die bis auf 32 GB erweitert werden können. Ein neues Audio-Board, leistungsfähigere PC-Komponenten als bei OAS und einer superschnellen NVMe-SSD-Festplatte mit 250 GB Kapazität kommen zum Einsatz. Der Weg von OAS zu OAX wurde von langer Hand vorbereitet. Alle Funktionen und Klangfarben sind inzwischen vollständig über Software kontrollierbar, Updates jederzeit per Download möglich. Die Zeiten aufwändiger und teurer Hardware-Modifikationen seien „nun endgültig vorbei“, und das jetzige OAX-System sei auch „viel entwicklungsfreundlicher als noch das von OAS“, unterstreicht Wersi-Entwicklungsleiter Ulrich Wildhack.

Äußeres Erscheinungsbild

Schon das Auspacken des OAX1 ist eine Freude, weil einem das Keyboard in einer hochwertigen Perlmutt-Weiß-Lackierung entgegenkommt, wie man sie von den großen Orgeln her kennt. Alternativ wäre auch Hochglanz Schwarz oder Silber erhältlich, aber das alles sind tatsächlich die Serien-Lackierungen. Vorbei die Zeiten, in denen Wersi-Instrumente etwa in Nussbaum daherkamen, was zwar für ein heimisches Möbel halbwegs schick gewesen sein mag, auf einer Bühne aber nun mal rein gar nichts hermachte. Das berühmte Perlmutt reflektierende Weiß, von dem noch vor ein paar Jahrzehnten ganze Generationen von Spielern träumten, war in früheren Jahren noch mit horrenden Aufpreisen verbunden. Auch heutige Top-Keyboards sind optisch nicht immer nur ein Hochgenuss. Eine Zeitlang war Silbergrau das Maß der Dinge, woran man sich aber irgendwann auch satt gesehen hatte, heute geht der Trend wieder ein bisschen in Richtung Schwarz, aber ein hochglanz-weißes Bühnenmodell findet man nicht an jeder Straßenecke. Eigentlich ist es derzeit von keinem anderen Keyboard bekannt, und das hat schon etwas sehr Edles.

Die beleuchteten Bedientaster sind wiederum in Silber gehalten. Optisch ist das ein stimmig-schlüssiges, sehr ansprechendes Gesamtpaket, das einem sofort Lust macht, das Keyboard einzuschalten und sich damit zu beschäftigen. Als Schaltzentrale fungiert in der Mitte ein stattlich großer 13,3 Zoll großer Touchscreen-Bildschirm im 16:9 Kinoformat mit einer Auflösung von 1366 x 768 Bildpunkten. Das ist eine ordentliche Qualität, und wer zudem weiß, dass das aktuelle iPad pro von Apple, mit dem sogar professionelle Designer arbeiten, in seiner größten Version 12,9 Zoll groß ist und sich wirklich schon sehr ausufernd gebärdet (fast nicht mehr wie ein Mobil-Gerät), wird einordnen können, dass wir hier wirklich einen sehr üppigen Keyboard-Bedienbildschirm haben.

Sehr gut gelöst ist weiterhin auch, dass die Rückwand des Instruments standardmäßig durch eine Blende verdeckt ist, sodass man die Anschlüsse nicht sieht. Hinter dieser Blende verbergen sich alle Anschlüsse, für die man entsprechend abgewinkelte Stecker verwendet. Die Kabel können dann durch zwei Aussparungen auf der rechten und linken Seite gesammelt nach unten geführt werden. Kabelsalat, der die Bühnenoptik immens stört, gehört damit der Vergangenheit an. Das ist elegant gelöst, und an solchen Details sieht man zweifelsohne auch die große Erfahrung Wersis aus dem jahrzehntelangen Orgelbau mit auch großen Show-Instrumenten für Tourneen und Fernseheinsätze.

Den vollständigen, ausführlichen Testbericht lesen Sie in Tastenwelt 2/2019 – die Ausgabe können Sie direkt hier im Shop bestellen.

Text: Christoph Klüh
Foto: Wersi, Shutterstock, Montage: Konstantin v. Gaisberg

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