Ein kleines, aber höchst erfolgreiches Spionageflugzeug

15.11.2017 14:38 | Luftfahrt

Zum Grundprinzip der Spionage gehört die Tarnung und Verwirrung. Falsche Hinweise sollen die Anstrengungen des Gegners auf falsche Ziele lenken, oder aber vermeintlich harmlose Ereignisse dienen eigentlich der Informationsbeschaffung. Über dem Stadtgebiet und den Randgebieten Berlins flogen während des Kalten Krieges alle vier Mächte mit kleinen Flugzeugen oder Helikoptern Patrouille. Die Briten nutzten dabei auch den winzigen Trainer vom Typ De Havilland Chipmunk. Trotz ihres harmlosen Aussehens gilt die Chipmunk als einer der erfolgreichsten Aufklärer des Kalten Krieges.

spionage-chipmunk in tempelhof

Die Spionage-Chipmunk auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. (Foto: Uwe W. Jack)


Gleich nach dem Sieg über Hitler-Deutschland wurde von den vier Alliierten über Berlin die sogenannte Berlin-Kontroll-Zone eingerichtet. Hier überwachten alle vier Mächte gemeinsam den Flugverkehr zur und von der ehemaligen Hauptstadt des Gegners und sie  erlaubte Flüge der Alliierten in einem Radius von 20 Meilen (32 Kilometer) um das Gebäude des Berlin Air Safety Center im heutigen Kammergericht in Berlin-Schöneberg.
1958 trafen auf dem britischen Flugplatz Berlin-Gatow zwei schmucke Zweisitzer de Havilland Chipmunk (Streifenhörnchen) ein. Offiziell als Trainer und Übungsflugzeuge deklariert, wurde im Rahmen der Operation "Schooner" (Segelschoner) auch eine Kamera mit mehreren Objektiven zur Aufklärung mitgeliefert. Die Briten waren sich bewusst, dass jede Aktivität auf dem Flugplatz von Beobachtern der DDR oder der Sowjets fotografiert wurde. Deswegen wurden die Chipmunk auf dem Flugplatz Gatow in einem weit von den Zäunen entfernt gelegenen Hangar untergebracht. Waren Flüge in der Berlin-Kontroll-Zone auch erlaubt, so galt dies nicht für Flugzeuge mit Fotoausrüstung. Die Piloten der Chipmunk wussten, dass eine Notlandung mit ihrer Maschine und einer Fotoausrüstung außerhalb Westberlins eine Verurteilung und  Inhaftierung nach sich ziehen würde. Deswegen konnten Aufklärungsflüge nur durch die höchsten britischen Militärstellen in Berlin angeordnet werden. Wie bei einem Kriegseinsatz flogen die Piloten in Uniform und durften nur ihren Wehrpass an Unterlagen mitnehmen.

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Die Spionage-Chipmunk bei der Landung nach einem Aufklärungsflug in Berlin-Gatow (Foto: Peter Sickinger)


Das Risiko war hoch, doch die zu erwartende Ausbeute an Informationen rechtfertigte den Einsatz. Um Berlin drängten sich diverse wichtige sowjetische Militäreinrichtungen. Die Überwachung der Tätigkeiten dort ließ Rückschlüsse auf die Politik der UdSSR zu. Neu gebaute Bunker oder Unterkünfte zeigten an, welche Schwerpunkte das Militär gerade ins Auge fasste. Besonders interessant waren Manöver und ganz wichtig, die Zeit unmittelbar nach der Übung. Nach Rückkehr aus einem Manöver musste jede Einheit eine Inventur ihrer Ausrüstung durchführen. Dazu wurde der gesamte Bestand an Geräten und Waffen sorgfältig auf dem Exerzierplatz ausgebreitet, damit dann alles von den zuständigen Offizieren abgenommen werden konnte. Sogar die fest eingebauten Geräte wurden aus Fahrzeugen entfernt, um Wartungs- oder Reinigungsarbeiten nach dem Manöver durchzuführen. Mit Hilfe der Chipmunk-Fotos konnten so der Ausrüstungsbestand der sowjetischen Truppen um Berlin bis zum letzten Maschinengewehr, Funkgerät oder zur Zahl der Gulaschkanonen genau bestimmt werden. Ein Erfolg, den weder große Aufklärungsflugzeuge noch Satelliten vorweisen konnten.

Die ganze Story mit vielen spannenden Details ist in der FliegerRevue X Nr. 68 ab dem 24. November 2017 zu lesen.

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