Gewitterflug im Doppeldecker 1941

04.06.2018 08:00 | Luftfahrt

Im Jahr 1985 gab es ein privates Treffen von befreundeten Fliegern der 1930er- und 1940er-Jahre. Ein ganzes Wochenende lang wurde auf einem kleinen Flugplatz in Süddeutschland ein intensiver Flugbetrieb mit historischen Flugzeugen und mit einigen modernen Privatmaschinen der „alten Adler“ durchgeführt. Zwei Bücker-Doppeldecker, eine Klemm 35, ein Fieseler Storch und auch eine Focke-Wulf Fw 44 Stieglitz waren als Vertreter der historischen Flugzeugbaukunst angereist. In der Kantine des Flugplatzes gab es ein großes Hallo beim Eintreffen von neuen Gästen - man kannte sich seit langem. Als spannender Programmpunkt standen Gastflüge mit den Maschinen der Teilnehmer fest. Angekündigt hatte der Eigentümer der Fw 44 Stieglitz, auch er werde ab Mittag des ersten Tages kurze Passagierflüge durchführen, wer mutig sei, könne einige Kunstflugfiguren erleben. Auch der Autor bekundete sein Interesse und kam mit auf die kurze Liste der Passagiere. Es war schönes Frühlingswetter und so standen die zukünftigen Doppeldecker-Passagiere im Freien und beobachteten die Flüge der historischen Maschinen. So zehn Minuten lang kurbelte auch der Stieglitz durch die Luft, dann schneller Anflug zur Landung mit anschließendem Passagierwechsel. Vor dem Flug des Autors verschwand der Pilot in der Kantine und kam mit Heinz Rühmann im Schlepptau wieder zurück zu seiner Maschine. Während beide ihre Fliegerhauben aufsetzten und in die Sitze kletterten, plauderten sie angeregt. Das war ungewöhnlich, von Heinz Rühmann waren in den Stunden zuvor nur wenige Worte zu hören gewesen - er war ein ungewöhnlich stiller Mann. Rühmann hatte seinen Flugschein 1932 von der Gage seines ersten Erfolgsfilms „Die Drei von der Tankstelle“ gemacht. Er galt als begeisterter Flieger und war gut bekannt mit allen Fliegergrößen der damaligen Zeit. Mit dem Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, Kunstflieger und Lebemann Erst Udet verband ihn eine enge Freundschaft.

focke-wulf fw44 stieglitz aus quax der bruchpilot

Heinz Rühmann in seiner Paraderolle als "Quax der Bruchpilot" in einer Focke-Wulf Stieglitz. (Fotos: youtube.com)

Der Stieglitz hob sehr sportlich ab und begann ein Kunstflugprogramm, bei dem einem schon am Boden der Magen rebellieren konnte. Gut zwanzig Minuten war die Fw 44 bis zur Landung in der Luft. Heinz Rühmann kletterte bei laufendem Motor aus dem vorderen Cockpit und übergab seine Haube an den Autor. Auf die Frage, ob er den der Versuchung widerstehen konnte, den Stieglitz selbst zu fliegen, lachten Pilot und Passagier verschmitzt. „Das darf ich doch gar nicht, ich habe doch meinen Pilotenschein schon abgegeben!“ antworte der Schauspieler, der damals über 80 Jahre alt war. Das mäßige Kunstflugprogramm, welches der Autor dann im Stieglitz verpasst bekam, brachte ihn aber schon an die Belastungsgrenze.

Abends saßen die Flieger dann nach dem Essen in lockeren Runden an den Tischen und sprachen natürlich nur über die Fliegerei und die alten Tage. Am Tisch mit Beate Uhse, Leni Riefenstahl, Adolf Galland, Walter Scheel, Herbert „Papa“ Ihlefeld und vier weiteren prominenten Vertretern der alten Luftfahrt, erzählte Heinz Rühmann von einem denkwürdigen Flug im Sommer 1941 mit seinem Stieglitz von Rangsdorf bei Berlin nach München. Er war auf den Weg zu Arbeiten im Zusammenhang mit dem Film „Quax der Bruchpilot“. Eigentlich hatte Rühmann seine beiden Flugzeuge, eine Fw 44 Stieglitz und eine Udet U 12 Flamingo, auf dem Flughafen Tempelhof stehen. Rühmann wohnte in einem Randbezirk Berlins an einem Seeufer. Nach Kriegsbeginn mussten die Lufthansa und alle Privatflieger von Tempelhof nach Rangsdorf ausweichen.

quax der bruchpilot mit heinz rühmann und udet u12 flamingo

Flugschüler Quax hat seinen Udet Flamingo in einem See bruchgelandet. Sein Kommentar: "Hiermit erkläre ich die Badesaison für eröffnet!"

Rühmanns zweite Leidenschaft waren Dackel. Er war ganz närrisch mit seinen Hunden. Rühmann genoss seine langen Spaziergänge allein mit Dackel in der grünen Umgebung seines Wohnhauses. 1941 hatte er aber ein besonders eigenwilliges Exemplar von Hund. Dieser verschwand beim Stöbern einfach und blieb manchmal über eine Stunde verschollen, bis er sich wieder zu seinem Besitzer trollte. Auch im Haus stellte das Tier nur Unfug an - der Dackel war, selbst von einem so erfahrenen Hundebesitzer wie Rühmann, nicht zu erziehen. Aber dennoch war der Dackel immer dabei, wohin Rühmann auch ging, selbst bei Dreharbeiten. Bei den Vorbereitungen zum Flug nach München, verstaute Rühmann sein Gepäck in der Ablage, legte eine dicke Decke auf den vorderen Sitz und pflanzte den Dackel auf die Decke, sodass dieser über den Cockpitrand herausschauen konnte. Der Flug bei schönstem Sommerwetter war anfangs sehr gemütlich, nur über Bayern lag unerwartet eine breite Gewitterfront vor München. Die dunklen Wolken türmten sich so hoch, dass ein Überfliegen nicht möglich war. Beim Umfliegen der Gewitterfront hätte Rühmann seinen Termin bei der Filmgesellschaft nicht halten können. Dies war etwas, was Rühmann hasste. Also blieb nur, mit dem Doppeldecker unter dem Gewitter hindurch zu fliegen.

So ein Gewitter habe er sein ganzes Leben nur einmal erlebt, schilderte der Schauspieler. Es war stockfinster, ununterbrochen zuckten Blitze und es knallte extrem laut. Dazu kam ein so dichter Regen, dass die Maschine nur mit Mühe in der Luft gehalten werden konnte. Die Böen warfen das kleine Flugzeug hin und her und Rühmann musste im offenen Cockpit um sein Leben kämpfen. Etwa ein halbe Stunde wurde die Maschine durchgeschüttelt - dann rissen die Wolken auf und die Sonne strahlte wieder. Direkt vor dem Stieglitz lag, mit golden glänzenden Dächern, München.

heinz rühmann mit focke-wulf fw44 stieglitz aus quax der bruchpilot

Rühmann als Quax an der Stieglitz mit seinem Fluglehrer.

Nach der Landung griff sich Rühmann etwas in Eile sein Gepäck und wollte schon zum Auto des wartenden Chauffeurs, als ihm sein Dackel einfiel. Diesen hatte er im Gewitter völlig vergessen. Klatschnass hatte sich der Dackel auf der Decke zusammengerollt und zitterte am ganzen Körper. Aus den Augen strahlte nackte Angst. Er nahm das Tier auf den Arm und streichelte es und sprach beruhigen auf den Dackel ein. Von dieser Sekunde an, so Rühmann, wich der Dackel nicht mehr von seiner Seite und befolgte jeden Befehl sofort ohne auch nur den Versuch einer Eigenmächtigkeit zu wagen.

Uwe W. Jack

 

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