Das Museums-Flugzeug, das es nie gab

13.09.2017 10:09 | Luftfahrt

Ungewöhnliches gibt es jetzt im Luftfahrttechnischen Museum Rechlin an der Müritz zu sehen. Hier wurden bis 1945 die modernsten Flugzeuge und Flugzeugbewaffnungen der Luftwaffe getestet. Mit der Eröffnung einer neugestalteten Ausstellung in einer extra  dafür errichteten Halle zog auch ein ungewöhnliches Flugzeug in das Museum ein. Der strahlgetriebene Nachtjäger der Gothawerke war nie gebaut worden. Es blieb bei einem Projekt auf dem Papier.
 


1944 hatten die Brüder Horten den zweistrahligen Düsenjäger Ho 229 (auch Ho IX genannt) in Nurflügelbauweise entworfen und zwei Prototypen geflogen. Die Serienfertigung sollte die Gothaer Waggonfabrik übernehmen. Dort war man mit dem Entwurf der Brüder nicht einverstanden. Was anfänglich eine Produktionsreifmachung war, gestaltete sich dann zu einem völligen Neuentwurf. Bei der Horten Ho 229 lagen die Triebwerke rechts und links des Cockpits. Abgase und Lärm beeinträchtigten aber die Arbeit der Besatzung. In Gotha verlegte man darauf die Triebwerke auf und unter den Rumpf, dieser Entwurf wurde mit Projekt P.60A bezeichnet. Und da der Chefkonstrukteur Dr. Hünerjäger gerade dabei war, ließ er die Besatzung jetzt liegen und entwarf auch einen neuen Flügel und eine anderes Fahrwerk für die P.60A.  Es gab dann aber Zweifel, ob eine liegende Besatzung im Luftkampf würde bestehen können, also flog die Besatzung der Variante P.60B wieder auf Sitzen. Für die geplante Version als Nachtjäger musste die Rumpfnase ein Radargerät aufnehmen und ein zusätzliches Besatzungsmitglied untergebracht werden, dies war die P.60C.
 


Zwischen den Brüdern Horten und den Konstrukteuren der Gothaer Waggonfabrik entbrannte ein heftiger Streit um jedes Detail des Düsenjägers. Dies verzögerte den Bau von Prototypen und der Zweite Weltkrieg war zu Ende, bevor auch nur ein Blech für die Gotha P.60 geschnitten war. Dennoch fasziniert die futuristische Auslegung der P.60 bis heute Flugzeugfans auf aller Welt. Einer von ihnen ist Holger Bull, der eine ganz besondere Art von Modellbau betreibt. Er fertigt Modelle von nicht gebauten Luftwaffen-Projekten im Maßstab 1:1 aus Holz. Mit der Gotha P.60C hat er wohl sein größtes Stück abgeliefert. Eindrucksvoll in Nachtjäger-Tarnung bemalt und mit ebenfalls (nie gebauten) sehr futuristischen Lenkwaffen ausgerüstet, ist das Großmodell der P.60C heute in Rechlin wohl der Star der Ausstellung.

Fotos: Luftfahrttechnisches Museum Rechlin, Text: Uwe W. Jack

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