Live-Recording

26.09.2019 17:37

Die Energie einer Live-Performance ist einzigartig, doch wie nimmt man ein solches Event am besten auf? Im RecMag 6/2019 bekommt ihr Antworten.

Viele Musikliebhaber kriegen beim Wort „Live-Recording“ feuchte Augen. Unvergesslich sind historische Momente der Musikgeschichte. Jimi Hendrix’ Performance der amerikanischen Nationalhymne 1969 in Woodstock, Stings Version von „Fragile“ nach dem 11. September, Freddy Mercury und Queen im Wembley Stadion 1986, John Coltrane 1961 live im „Village Vanguard“, Pink Floyds PULSE-Tour … Irgendetwas haben Live-Aufnahmen, was Studioalben nicht hinbekommen.

Eine Form von Ehrlichkeit, Rauheit, Ungeschminktheit und der Reaktion mit dem Publikum. Sie sind ein Stück Zeitgeschichte. Selbst Live-Aufnahmen anfertigen, das wäre doch etwas, oder?

Am Anfang der Recording-Geschichte war jede Aufnahme eine Live-Aufnahme. Mehrspurverfahren und Overdub-Technik gab es noch nicht. Man nahm ganze Orchester und Bands zusammen mit Solisten und Vocals in einem Rutsch auf. Fehler konnten nicht korrigiert werden, ein Mixdown erfolgte in Echtzeit. Ein paar gute Mikros, ein sehr gut klingender Raum und hervorragende Musiker waren die Zutaten für die perfekte Tonaufzeichnung.

Nach und nach entwickelte sich die Studiotechnik weiter. Mehrspurbandmaschinen erlaubten Overdubs und Schnitte, DAWs mit Plug-ins ermöglichen heute geradezu chirurgische Eingriffe in das Material, sogar im Hobbykeller. Selbst jede Amateurproduktion kann dank Computern durch wochenlange Detailarbeit inzwischen auf Hochglanz poliert werden.

Live-Recording ist aber immer noch up to date. Was gibt es zu beachten, wenn ihr eine Live-Aufnahme einer Band plant? Wie verfährt man auf einer Bühne mittlerer Größe, wie man sie in vielen Clubs vorfindet? Egal, ob ihr externer Techniker oder Bandmitglied seid: Was sind die wichtigen Unterschiede zur vertrauten Studioarbeit?

Die erste Frage ist immer: Warum? Weshalb soll der Gig mitgeschnitten werden? Geht es darum, eine Aufnahme zu bekommen, die zur Analyse und Planung der Probenarbeit dient? Soll ein Live-Demo her oder gar ein LiveAlbum, welches an die Fans verkauft wird?

Wird eine Filmaufnahme angestrebt, spielen optische Kriterien ebenfalls eine Rolle. XLR-Kabel in Neongelb oder ein Wald aus Mikrostativen sind bestimmt schlechter als unscheinbare Clipmikros und schwarze Kabel am Drumset. Obwohl es für den Ton vielleicht anders schöner wäre (okay, neongelbe XLR-Kabel gehören generell verboten). Nicht ohne Grund bieten Mikrofonhersteller ihre Modelle teilweise in verschiedenen  Lackierungen an. Mikroständer und Mikros in Schwarz sind für Kameras „unsichtbarer“ und deswegen zu bevorzugen.

Bei bekannten Bands (zum Beispiel Pearl Jam oder Black Label Society) wird es immer beliebter, Fans direkt am Konzertabend das Konzert via USB-Stick nach Hause mitzugeben und so ein paar Euros extra zu verdienen.

Was sind die Rahmenbedingungen?

Abhängig vom Ziel, das ihr mit euren Aufnahmen verfolgt, habt ihr einen unterschiedlich hohen Aufwand, benötigt anderes Equipment und peilt verschiedene Qualitätslevel an.

Schauen wir uns mal die typischen Punkte eines Signalweges an und betrachten, wie sich welche Faktoren auswirken. Es beginnt beim Raum. In einem Tonstudio findet man kontrollierte und optimierte akustische Bedingungen vor. Mit Hilfe von Absorbern und Diffusoren wird aufwendig die Raumakustik beeinflusst, Stellwände separieren einzelne Instrumente, eine Aufnahmekabine trennt laute Amps oder Drumsets von leiseren Vocals. In einer bequemen Regie mit perfektem Abhörplatz und edlen Studioboxen beurteilen Tonmeister und Produzent ganz in Ruhe die Performance. Der Alltag im Live-Recording sieht leider anders aus.

Der Club hat parallele nackte Wände, die für Flatterechos sorgen, die Nachhallzeit ist viel zu lang. Eine eklige Raum-Mode treibt dem Bassisten die Schweißperlen auf die Stirn. Die lauten Drums streuen reichlich Signal in die Backing-Vocal-Mikrofone und statt auf dem gemütlichen Produzentensofa hockt die Aufnahme-Crew auf Bierkisten in einer Ecke. Schlechte Akustik, Zugluft und Kopfhörer gibt’s gratis oben drauf. So sieht der Alltag im Live-Recording häufig aus. Wohl dem, der einen kühlen Kopf behält.

Live-Recording ist ein Kompromissgeschäft. Auf den Faktor Raum hat man wenig bis gar keinen Einfluss. Um zum Beispiel eine kleine Kirche in einen trockenen Aufnahmeraum zu verwandeln, müsste man die Absorber aus Basotec schon LKW-weise anliefern lassen. Mit vier kleinen Modulen kommt man hier nicht weit. Wer im Rahmen einer Tournee die Möglichkeit hat, mehrere Gigs mitzuschneiden, kann sich dann immer noch die beste Venue aussuchen. Wenn es ein „One-Nighter-Gig“ ist, müsst ihr halt mit dem leben, was an dem Abend möglich ist.

Den vollständigen Workshop lest ihr in Recording Magazin 06/2019 – die Ausgabe könnt ihr gleich hier im Shop bestellen!


Text: Mark Schwarzmayr

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