Motörkrach

22.02.2018 14:59 | Blog

Für die folgenden Zeilen begeben wir uns weit zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor dem Privatfernsehen. (Ich höre schon kommende Generationen staunend fragen: „Vor dem Privatwas?“) In die Zeit vor MTV und damit sogar in die Zeit vor der Zeit, als MTV noch Musikfernsehen war. In dieser grauen Vorzeit war es äußerst selten, dass Musik über den Bildschirm flimmerte, und noch seltener, dass dies gute Musik war. Höchstens mal spät nachts im Rockpalast – da war man dankbar, wenn man bei der Oma nächtigen konnte, die a) um 11 ins Bett ging, b) sich nicht darum kümmerte, wann man sich selbst aufs Ohr haute, und c) nicht mehr so besonders gut hörte.

Jedenfalls sorgten zu dieser Zeit ungeklärte mystische Umstände dafür, dass innerhalb kürzester Zeit auf dem Fernsehschirm gleich zweimal eine Band zu sehen war, die alles wegfegte: Motörhead stellten im deutschen Fernsehen innerhalb von drei Tagen sowohl den Titelsong ihrer aktuellen LP Ace of Spades als auch die Vorab-Single „Motörhead“ ihres Live-Albums No Sleep ’til Hammersmith vor. Danach war nichts mehr wie zuvor: Der herrliche Krach, den diese drei Hardrock-Punks da zusammenschrubbten, ließ alle, die auch nur ansatzweise einen vernünftigen Musikgeschmack hatten, vor Ehrfurcht erstarren. Und das Ace-of-Spades-Cover gab uns den Rest ...

Der Schlagzeuger war ein echtes Tier, der Flegel mit dem Bass und der rauhen Grölstimme ein fürchterlicher Racheengel, und der Gitarrist der illegitime Sohn von Iommi und Gallagher auf Speed. Und was der struppige Kerl da für einen dreckigen Sound aus seiner Gitarre raushaute, hinterließ gleich mehrere Fragezeichen in den Ohren. Trotz meiner gitarristischen Unbedarftheit konnte ich bereits immerhin eine Stratocaster identifizieren, wurde sie doch von Dylan über Blackmore bis Clapton von der halben Gitarrenmenschheit benutzt. Warum das Teil auch dermaßen rotzen konnte, war dagegen unbegreiflich. Bis mir ein Bekannter, der einige Jährchen mehr auf dem Buckel hatte, erklärte, dass der Tonabnehmer am Steg ein „Humbucker“ sei. Und dass der halt „fetter“ klinge als ein „Singlecoil“. Und dass der normalerweise in einer Strat nix zu suchen hätte.

Ein paar Jährchen später wurden dann Gitarren in Strat-Form mit einem oder mehreren Humbuckern zum echten Trend. Da war „Fast“ Eddie bereits Motörhead-Geschichte, und als Vorreiter dieser „Superstrats“ wurde ein anderer Eddie gehandelt. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Wir hingegen halten für einen Moment inne und verneigen uns vor der Besetzung der ersten fünf Motörhead-Alben, deren letztes verbliebenes Mitglied jüngst von uns gegangen ist. Eine Würdigung in Form eines groß angelegten Workshops, der Eddies Spielweise zwischen Blues, Metal und Punk sowie seine effektive Herangehensweise beim Komponieren großartiger Riffs dokumentiert, findet der geneigte Leser in guitar 3/18.

Rest in Peace, Eddie!

Dr. Jürgen Ehneß, Chefredakteur guitar

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