Survival of the Fittest

02.06.2020 11:30

In fast 20 Jahren als Drummer von Shinedown hat Barry Kerch mit der Band sechs Alben aufgenommen und zahlreiche Touren absolviert. Nicht nur die Band hat in dieser Zeit tiefgreifende Wandlungen durchgemacht – auch das Musikgeschäft hat sich im 21. Jahrhundert grundlegend verändert, wie Barry uns im Interview darlegt.

Geboren in den wilden Siebzigern, aufgewachsen in der Ära von Disco, New Wave und Heavy Metal, geprägt von den Schlagzeug-Pionieren der Achtziger und Neunziger: Als Nachwuchs­drummer kam Barry Kerch in den Genuss einer wachsenden Vielfalt an Musikstilen, in einer Zeit, in der Radio und Fernsehen die Popkultur dominierten. Seit der Jahrtausendwende und seinem Aufstieg in die Profiliga hat sich die Musikwelt radikal verändert. Das weiß Barry aus eigener Erfahrung.

DH: Wann hast du mit dem Schlagzeugspielen angefangen?
Barry: Ich war sieben Jahre alt, als ich anfing. Der Bruder meiner Großmutter war Schlagzeuger. Er lebte in Chicago und ich habe ihn nie getroffen. Aber weil meine Großmutter meinte, dass ich sie an ihn erinnerte, bekam ich zu meinem siebten Geburtstag meine erste Snaredrum geschenkt. Kurz darauf habe ich ersten Unterricht genommen und mich schnell in das Instrument verliebt. Seitdem bin ich Schlagzeuger.

Welche Bands und Drummer zählst du zu deinen Einflüssen?
In den ersten Jahren hat vor allem mein älterer Bruder seine musikalischen Vorlieben an mich weitergegeben. Angesagte Drummer, für die auch ich mich damals begeisterte, waren zum Beispiel Nicko McBrain, Stewart Copeland, Tommy Lee und Gregg Bissonette. Über den Schlagzeugunterricht kam ich auch in Berührung mit Dave Weckl, Steve Smith und viele von denen, die man als „Drummers‘ Drummers“ bezeichnen kann. Ein Grund, warum ich Nicko McBrain bewunderte, war, dass er als einer der Allerersten Double-Pedals benutzte. So eins wollte ich auch haben, konnte ich mir aber nicht leisten.

Setzt du heute Double-Pedals ein?
Das tue ich, aber sehr sparsam. Ich bin sicher kein herausragender Double-Bass-Spieler. Mein Fokus liegt auf dem Single-Pedal.

Gutes Single-Spiel ist ja schließlich auch eine Kunst für sich.
Absolut. Jojo Mayer ist zum Beispiel einer, der das wahnsinnig gut beherrscht.

Wie sieht‘s mit deinen Hörgewohnheiten aus? Auf welche Bands und Künstler stehst du?
Das ist bei mir ganz gemischt. Ich bin großer Fan von Nine Inch Nails, aber auch von James Brown, besser gesagt seiner Schlagzeuger. Ich mag Groove-Drummer. Die reizen mich mehr als schnelle und technische Spieler.

Spiegelt sich das in deinem eigenen Spiel wider?
Ja, ganz stark. Ich hatte immer auch Vorlieben für Funk oder auch New Orleans Jazz. Auf der anderen Seite bin ich auch ein totaler Metalhead. Beim Musikhören lege ich mich nicht fest. Wenn ein Song gut ist, finde ich ihn gut. Ob es nun Led Zeppelin ist oder P!NK – ganz egal! Du müsstest dir nur mal die Playlist auf meinem Handy anschauen. Da ist alles Mögliche drin.

Dafür bist du selbst als Musiker aber ziemlich fest verwurzelt. Immerhin bist du seit der Bandgründung im Jahr 2001 bei Shinedown und hast alle sechs Alben mit eingespielt. Wie hat sich die Band in dieser ganzen Zeit weiterentwickelt?
Natürlich wächst man als Musiker und Songwriter und man lernt nie aus. Ich arbeite immer noch an meiner Musik und meinen Fähigkeiten. Wenn ich die Zeit finde, nehme ich auch manchmal Unterricht. Als Band haben wir alle viel dazugelernt, beispielsweise über die Zusammenarbeit im Studio. Das Gefühl dabei ist auch ein anderes geworden. Bei den ersten Alben war da noch dieses gewisse „red light fever“. Inzwischen freut man sich einfach auf die Aufnahmen. Die größere Selbstsicherheit, die wir haben, lässt uns auch mehr experimentieren. Zugenommen hat damit auch der Respekt voreinander und davor, wie jeder von uns arbeitet. Die anfänglichen Frustrationen und Eifersüchteleien, die früher hier und da vorkamen, gibt es schon lange nicht mehr.

Über die Jahre habt ihr ziemlich regelmäßig neue Alben produziert, es aber auch geschafft, als Live-Band extrem aktiv zu sein und eine Tour nach der anderen zu organisieren. Was hält euch auf diesem hohen Aktivitätslevel? Treibt euch mehr der äußere Druck von Fans und Musikindustrie oder ist es eher der innere Antrieb?
Ich denke, das kommt mehr von uns selbst. Wir alle vier sind einfach so veranlagt. Wir arbeiten hart. Einerseits, weil wir so erzogen wurden, andererseits, weil wir unsere Arbeit lieben. Sogar so sehr, dass es manchmal zulasten unserer Familien geht. Nüchtern betrachet ist es aber so: Es ist wichtig, präsent zu bleiben, um relevant zu bleiben. Als Rockband bezahlt man seine Rechnungen heutzutage fast ausschließlich von Konzerteinnahmen. Also touren wir viel. Wiederum muss man, um Touren promoten zu können, regelmäßig neues Material abliefern. Trotzdem setzen wir uns beim Schreiben nicht selbst unter Druck. Unser Ziel ist nicht, so produktiv wie möglich zu sein. Wir wollen die beste Musik schreiben, die wir können, denn nur dann wollen unsere Fans sie auch hören. Unser Label lässt uns zum Glück die nötige Freiheit und setzt uns keine Fristen.

Hast du in den fast 20 Jahren, die du schon professionell Musik machst, große Veränderungen im Musikgeschäft beobachtet?
Oh ja! Das Geschäft und auch die ganze Musikwelt haben sich völlig verändert. Als wir Shinedown gestartet haben, gab es noch kein Facebook und keine Smart­phones. Alle Leute haben damals noch CDs gekauft. Heute gibt es Flatrates und Streaming. Wir mussten auch in dieser Hinsicht viel lernen und einen Geschäftssinn entwickeln. Man muss begreifen, dass das Musikgeschäft eben wirklich ein Geschäft ist. Auch als Musiker muss man mit den Entwicklungen auf dem Markt schritthalten, sonst wird man ganz schnell abgehängt. Unser Sänger Brent (Smith) sagt immer: „Pass dich an oder stirb.“ Ich muss ihm Recht geben...


Was Barry noch über die fortwährenden Veränderungen im Musikgeschäft, aber auch über Schlagzeug-Sound, Touren und Konzerte zu sagen hat, lest ihr in DrumHeads!! Ausgabe 4/2020. Die gibt es gleich hier im Onlineshop!

Foto: Getty Images/ Gina Wetzler, Redferns

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