Wolfgang Dauner – Das brennende Piano

26.02.2020 12:30

Ein deutsches Heavyweight der Jazzmusik hat uns für immer verlassen: Die Rede ist vom Stuttgarter Pianisten, Komponisten, Bandleader, Labelgründer und Pädagogen Wolfgang Dauner, geboren am 30. Dezember 1935, verstorben am 10. Januar 2020.


Foto: Jörg Becker

Wolfgang Dauner nur als Jazzpianisten zu betrachten wäre zu wenig. Er war Bandleader von Et Cetera, der legendären deutschen Fusion-Gruppe erster Stunde, sowie des United Jazz + Rock Ensemble, der German Alltars und unzähliger Trios und Duos.

Natürlich war Dauner auch ein Solopianist, dessen Repertoire von Gershwin über Ravel bis zum Free Jazz fast alles beinhaltete. Wolfgang Dauner gehörte neben dem auch bereits verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff und dem Saxofonisten Klaus Doldinger zu den über die Grenzen Deutschlands bekanntesten Jazzmusiker.

Dauner gehörte zur Geburtsstunde des deutschen Nachkriegsjazz und prägte in den letzten Jahrzehnten den künstlerischen Output des hiesigen Jazz, Jazzrock, Krautrock und der Avantgarde-Gemeinde durch seinen grenzenlosen Pioniergeist und seine Offenheit. Auch das Denken eines Independent-Musikers mit eigenem Label schuf für ihn eine vom Mainstream-Business unabhängige Gestaltungsplattform.

Anfänge

Geboren am 30. Dezember 1935, erhielt Wolfgang Dauner bereits im frühen Alter klassischen Klavierunterricht. Da er für das klassische Klavier-Hauptfach nicht genommen wurde, studierte er Trompete an der Stuttgarter Musikhochschule. Seine Vorliebe für Jazz war geprägt von den damaligen Besatzungsmächten und den Konzerten, die in diesem Umfeld stattfanden. Parallel zu nächtelangen Jazzgigs mit der Creme der damaligen Jazzszene verdiente er sein Geld im Begleitorchester von Zarah Leander, Marika Rökk und Lale Andersen.

Sein Debütalbum „Dream Talk“ erschien 1964 für die deutsche CBS im Trio mit seinen langjährigen Weggefährten Eberhard Weber am Bass und Fred Braceful am Schlagzeug. Doch musste er bald feststellen, dass die Zugehörigkeit zu einem Major-Label keine Garantie für Erfolg darstellt. Eine Einsicht, die ihn und ein paar gleichgesinnte Musikerkollegen Jahre später zur Gründung des eigenen Labels Mood Records ermutigte.

Der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart beauftragte Wolfgang Dauner mit der Gründung der Radio Jazz Group Stuttgart, zu der stets internationale und nationale Stars geladen wurden, unter anderem der norwegische Gitarrist Terje Rypdal, der amerikanische Pianist Chick Corea und der polnische Geiger Zbigniew Seifert.

Aufstieg zur Jazzgröße

Als in den Sechzigern Hans Georg Brunner-Schwer mit seinem Label Musik Produktion Schwarzwald (MPS) Jazz aus Deutschland in die Welt exportierte, gehörte Wolfgang Dauner zu seinen Lieblingen und 1970 erschien auf diesem Label die Trio-Produktion „Music Zounds“. Von da an gehörte er zur ersten Garde des nationalen Jazzgeschehens. Getrieben von musikalischer Neugier versuchte sich Dauner in allen nur erdenklichen Musikstilen. In den Siebzigern entdeckte er den Jazzrock und den deutschen Krautrock. Ein Resultat war die Gründung der Band Wolfgang Dauner’s Et Cetera, in der er noch vor den Elektromusikern der Popszene Synthesizer einsetzte. Von indischer Raga-Musik bis hin zu amerikanisch angehauchter Fusion ließ er nichts unversucht.

Zur Kategorie Fusion zählt unter anderem das 1972 erschienene Album „Knirsch“, das mit Produktionen amerikanischer Kollegen wie Weather Report oder Mahavishnu Orchestra auf einer Stufe hätte stehen können. Der geschäftlichen Inkompetenz des Labels und des Vertriebes ist es zu verdanken, dass bis auf ein paar Insider niemand von dieser Aufnahme je etwas erfuhr und die Schallplatte in den Jazzabteilungen der Läden verstaubte.

Mit von der Partie auf „Knirsch“ waren unter anderem der Gitarrist Larry Coryell, selbst ein Star der Fusion-Szene, mit seiner Band Eleventh House, und der Schlagzeuger Jon Hiseman, der damals noch bei der britischen Rockband Colosseum und später bei der All-Star-Band United Jazz + Rock Ensemble spielte. Dauners Band Et Cetera bestritt nicht nur Jazzfestivals, sondern spielte auf Pop-Events zusammen mit Embryo, Tangerine Dream, Kraftwerk und weiteren. Nach dem Tod von Hans Georg Brunner-Schwer wurde das Label HGBS Blue Records reaktiviert, das MPS-Katalogtitel, die es noch nicht auf CD geschafft hatten, wiederveröffentlicht. Im Sog dieser Veröffentlichungen ist nun auch „Knirsch“ auf CD erschienen.

Weitere Projekte

Wolfgang Dauner war ebenfalls als Sideman auf diversen MPS-Produktionen zu hören. So zum Beispiel mit dem französischen Geiger Jean-Luc Ponty auf dessen MPS-Debut „Sunday Walk“ (1967) und dem österreichischen Saxofonisten Hans Koller und dessen Fusion-Gruppe Free Sound. Doch Dauners Tage in Dur und Moll waren schon Mitte der Sechzigerjahre gezählt. Geprägt von Cage und Kagel widmete er sich mit aller Konsequenz dem Free Jazz.

„Free Action“ (1967) hieß seine Produktion, unter anderem mit dem Saxofonisten Gerd Dudek, dem Geiger Jean-Luc Ponty und dem Guru-Guru-Schlagzeuger Mani Neumeier, die ihn in der Avantgarde-Jazz-Liga etablierten. Zwischendurch gab es auch mal einen Abstecher in seichte Popmusik: „The Oimels“ (1969) enthielt unter anderem eine Coverversion des Beatles-Songs „A Day in the Life“.

Mit dem Gitarristen Volker Kriegel und dem Posaunisten Albert Mangelsdorff gründete er das United Rock + Jazz Ensemble und das Label Mood Records, auf dem auch beachtliche Piano-Solo-Produktionen von ihm erschienen. Zu Dauners weiteren Kompositionen gehören die Jazz-Oper „Der Urschrei“ (1976) und das Werk „Psalmus Spei“ (1968) für Kirchenchor und Jazzensamble. Darüber hinaus war er für unzählige Film- und Hörspielkompositionen verantwortlich.

Auszeichnungen

Wolfgang Dauner erhielt 1997 den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg, 2003 die German Jazz Trophy und 2005 das Bundesverdienstkreuz. Wer Dauners Leben von der Wiege ab verfolgen möchte, dem sei die Biografie „Das Brennende Klavier: Der Musiker Wolfgang Dauner“ von Wolfgang Schorlau empfohlen, die 2010 im Nautilus-Verlag erschienen ist.

Zu seinem 75. Geburtstag schenkte Wolfgang Dauner den Fans noch eine neue Piano-Solo-CD auf HGBS Records: „Tribute to the Past“ (2010). Aufgenommen im denkmalgeschützten MPS-Studio in Villingen (Baden-Würtemberg) und eingespielt auf dem legendären Bösendorfer-Imperial-Flügel, der seit 1970 im Studio steht. 2014 folgte das Album „Dauner/Dauner“, das er zusammen mit seinem Sohn Florian Dauner (Schlagzeuger bei den Fantastischen Vier) einspielte.

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Text: Christoph Spendel

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